Als ich feststellte, dass es mehr als vier Jahre(!) her ist, seit ich den fünften Band von Naoki Urasawas „20th Century Boys“ las, war ich wirklich geschockt. Zwar war mir bewusst, dass ich die Reihe länger unterbrochen hatte, aber SO LANG? Dann war es jetzt höchste Zeit, diese geniale Reihe fortzusetzen. Denn auch wenn die Lesepause einen anderen Eindruck erwecken könnte: Ich liebe die Welt und vor allem die Charaktere, die Urasawa in seinem Manga erschaffen hat! Und: Ich habe aus meinem Fehler von 2021 gelernt und mir nach Band 6 sofort den siebten und achten Band bestellt, um in den kommenden Tagen weiterlesen zu können.

Nach dieser langen Pause wäre anzunehmen, dass mir der Wiedereinstieg in die Geschichte schwerfiel. Bei der Mehrheit der Manga-, Comic- und Buchreihen wäre es mir auch so ergangen. Aber nicht bei den „20th Century Boys“. Naoki Urasawa schafft es wie kaum jemand anderes, die neuen Informationen mit Rückblicken und Einordnungen zu verbinden, ohne ins Nacherzählen zu geraten. Auch gelingt es ihm stets, neue Figuren so zu integrieren, dass sie uns leicht im Gedächtnis bleiben, ohne dabei die bereits vertrauten Figuren in den Hintergrund zu rücken.

Im vorliegenden sechsten Band hielt Urasawa sich zudem mit der Einführung neuer Figuren oder neuer Handlungsstränge zurück. Stattdessen wachsen unsere Heldinnen und Helden weiter, nehmen Rollen an, die sie sich zuvor nicht zugetraut hätten. So muss Yoshitsune plötzlich Verantwortung für die ganze Gruppe übernehmen und wird als Anführer angesprochen – eine Rolle, mit der er sich anfangs nicht wohlfühlt, die er aber ausfüllt, als hätte er seit Jahren nichts anderes getan.

Der Rest von Kenjis Freundeskreis und Familie ist mittlerweile etwas verstreut – jede und jeder von ihnen verfolgt andere Spuren und Wege, um die Welt vor dem „Freund“ zu retten:

Kanna kennt nun die Identität ihres Vaters und versucht, mehr über ihre Mutter und deren Rolle in den Ereignissen rund um den Bloody New Year‘s Eve herauszufinden.

Maruo arbeitet für einen Popstar – gemeinsam verfolgen sie das Ziel, den „Freund“ zu töten.

Otcho und Kakuto erfahren von einem „Neuen Buch der Prophezeiung“. Ihre Suche führt sie zurück in die ehemalige Schule von Otcho, Kenji und den anderen. Dort erwarten sie nicht nur Antworten, sondern der „Freund“ selbst – eine Enthüllung, die für Otcho ein Schock ist, denn sie zeigt, dass der Gegner manchmal in den eigenen Reihen sitzt.

Ja, auch wir Lesenden erfahren nun, wer der „Freund“ ist. Der Gegner hat endlich ein Gesicht. Nimmt das nun Spannung für die verbleibenden fünf Bände? Nein. Zwar hat Naoki Urasawa in den letzten Bänden immer sehr bewusst Spannung rund um die Identität aufgebaut, aber es war und ist eben nicht das einzige Spannungselement. Die Gefahr ist nach wie vor vorhanden und es droht eine Wiederholung des Bloody New Year’s Eve. Neben den dramatischen Ereignissen selbst lebt „20th Century Boys“ vor allem von der Tiefe und Komplexität der Handlung, seiner Atmosphäre, den liebevoll und detailliert ausgearbeiteten Figuren und deren ausdrucksstarker Mimik. Ich kehre immer wieder gern in diese Welt zurück und bin jedes Mal überrascht, wie kurz mir die fast 500-Seiten-dicken Bände vorkommen. Ich nutze nie den Begriff „Pageturner“, doch auf Urasawas Mangas trifft diese Beschreibung exakt zu.

Fazit:

Mit dem sechsten Band der „20th Century Boys“ hat Naoki Urasawa mich wieder komplett abgeholt – die Geschichte hat mich trotz mehrjähriger Pause regelrecht absorbiert. Nachdem wir nun die Identität des „Freundes“ kennen, bin ich gespannt, was der Mangaka in den Folgebänden für Kenjis Gruppe bereithält und ob sie eine Wiederholung des Bloody New Year’s Eve verhindern können.

Naoki Urasawa: „20th Century Boys (The Perfect Edition, Volume 6)”, Geschichte in Zusammenarbeit mit Takashi Nagasaki, aus dem Japanischen ins Englische übersetzt von Akemi Wegmuller und Lillian Diaz-Przybyl, VIZ Media 2019, ISBN: 978-1-4215-9966-3


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