Was für ein wilder Ritt! Walter Moers‘ jüngstes Buch „Qwert“ ist ormdurchflutet und zählt zu dem Besten, das er je geschrieben hat! Innerhalb der Zamonien-Sammlung teilt sich „Qwert“ mit „Der Schrecksenmeister“ nun Platz 2 meiner Moers-Favoriten, nur getoppt von „Die Stadt der träumenden Bücher“.
„Qwert“ ist so herrlich-absurd, witzig, unterhaltsam, abenteuerlich, spannend, voller Freundschaft und Liebe – aber auch Niedlichkeit: „Schneesturm“, das tödliche Schneestürme prustende Reitwürmchen, ist definitiv mein Held der Story und einer der tollsten, treusten, fröhlichsten, überraschendsten und drolligsten Gefährten, die ich je in einer klassischen Heldenreise erlebt habe. Doch es sollte definitiv nicht unterschätzt werden!
Der offizielle Protagonist der Geschichte ist aber natürlich der titelgebende Qwert. Wer Moers‘ „Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär“ gelesen hat, kennt den durch Dimensionen reisenden Gallertprinz bereits. Allen anderen sei an dieser Stelle gesagt: Ihr müsst den Blaubär nicht gelesen haben, um „Qwert“ genießen zu können – die Bezüge halten sich in Grenzen. Ich empfehle aber, vor der Lektüre von „Qwert“ erst „Die Insel der Tausend Leuchttürme“ zu lesen. Denn es werden mehrfach Ereignisse daraus ausgegriffen und wir begegnen zwei Figuren aus „Die Insel der Tausend Leuchttürme“ wieder, u.a. den Küstengnom Queekwigg.
Queekwigg ist genau wie Qwert durch ein Dimensionsloch gestürzt und nun befinden sich beide in fremden Körpern in der Welt Orméa: Qwert erwacht als der legendäre Ritter Prinz Kaltbluth, Queekwigg als dessen treuer Knappe Oyo, der ihn so manches Mal rettet und selbst in den aussichtslosesten Situationen Ruhe und Humor bewahrt. Zusammen mit ihrem Reitwürmchen Schneesturm reisen sie durch die unerbittlichen Landschaften Orméas und müssen sich immer wieder gegen andere Gegner zur Wehr setzen, denn Prinz Kaltbluth hat sich zuvor etliche Feinde gemacht. Als wäre das nicht schon genug, hat Qwert versehentlich eine Janusmeduse befreit, die ganz Orméa versteinern möchte – und beide haben sich auch noch ineinander verliebt! Nein, langweilig wird es in Orméa nie. Im Gegenteil: Immer, wenn ich dachte, dass es nicht noch surrealer und besser werden kann, hat Walter Moers eine neue ausgefallene Idee präsentiert.
Im Verlauf der insgesamt 43 Aventiuren treffen wir auf Janusmännlein, Riesengletscherzwerge, Flederfrösche, diverse außergewöhnliche Ritter, Fleischberge, einen bodenlosen Abgrund und viele weitere Wesen und Orte, die wir uns bis dahin kaum vorstellen konnten. Dabei vermischt Moers klassische literarische Elemente wie die Heldenreise, Elfenbeintürme, übermenschliche Kräfte verleihende Waffen und die vermeintliche Jungfrau in Nöten mit den Wesen des Kontinents Zamonien und der grenzenlosen Fantasie einer völlig neu geschaffenen Welt. So schafft er ein angenehm vertraut erscheinendes Setting, das trotzdem stets aufs Neue überrascht.
In Orméa ist einfach nichts normal: Man muss nie schlafen, nie essen oder anderen für uns alltäglichen Bedürfnissen nachgehen. Es gibt keine Nacht im herkömmlichen Sinne – Tag und Nacht existieren parallel und sind lokal begrenzt. Dafür kommt es zu Zeitschleifen in Form sogenannter Umkürzungen (einer paradoxen Mischung aus Umweg und Abkürzung), Gedankensprüngen (Teleportationen) und Unwahrzus – unwahrscheinlichen Zufällen, die eintreten, wenn jemand einen großen Wunsch in Form eines Kofferwortes mantraartig denkt. Überhaupt: Kofferwörter sind überall! Wie alle Zamonien-Bücher ist auch „Qwert“ durchwirkt von der Liebe zu Sprache und Rhetorik.
Ihr merkt schon: „Qwert“ hat mich begeistert wie lange kein Buch mehr. Ich hätte noch ewig weiterlesen können und war jedes Mal wehmütig, wenn ich den Roman zur Seite legen musste. Schon jetzt kann ich sagen, dass „Qwert“ mein literarisches Highlight des Jahres ist – und bedaure umso mehr, dass die für dieses Jahr geplante „Qwert“-Lesereise vorerst abgesagt werden musste.
Fazit:
Walter Moers ist in „Qwert“ zur Hochform aufgelaufen und der Roman sprudelt vor Einfallsreichtum nur so über. Ein absolutes Muss für Zamonien-Fans und alle anderen, die phantastische Literatur lieben!
Walter Moers: „Qwert“, Penguin Verlag 2025, ISBN: 978-3-328-60427-3

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