Im deutschsprachigen Raum ist Gustav Meyrinks „Der Golem“ wohl die bekannteste Version der Legende um den Prager Golem. Eine jüngere, kurzweiligere Adaption des Prager Golem legte vor zehn Jahren die jüdische Autorin Éliette Abécassis vor. Visuelles Leben hauchte den Figuren in „Der Schatten des Golem“ Benjamin Lacombe ein.
Abécassis und Lacombe lassen uns die Geschichte des Prager Golem dieses Mal aus der Sicht eines Mädchens erleben: Als Zelmira zufällig Rabbi Löw begegnet, ist sie sofort fasziniert von ihm. So sehr, dass sie am nächsten Tag den weiten Weg von ihrer Alchimistengasse in das jüdische Ghetto auf sich nimmt, um Rabbi Löw wiederzusehen. Heimlich folgt sie ihm und seinen engsten Vertrauten – und beobachtet, wie die drei eine riesige Figur aus Lehm formen und zum Leben erwecken. Fortan soll der Golem die jüdische Bevölkerung in Prag beschützen, denn der Berater von Kaiser Rudolf II. nutzt seinen Einfluss, um die jüdischen Menschen zu vertreiben und zu ermorden.
In den kommenden Wochen ist Zelmira fast täglich bei Rabbi Löw, seiner Frau Perl und dem Golem zu Besuch. Immer wieder versucht sie, mit dem Golem zu sprechen, doch er bleibt stumm. Dennoch findet sie bei ihm, dem Rabbi und Perl so etwas wie ein Zuhause und eine Geborgenheit, die sie in ihrem Elternhaus nicht erfährt. Doch auch sie ist als Besucherin des jüdischen Ghettos einer wachsenden Gefahr ausgesetzt.
Éliette Abécassis ist es gelungen, in ihrem Buch verschiedene Versionen des Prager Golem zu vereinen. So thematisiert sie die Verfolgung von Wissenschaftlern (Stichwort: heliozentrisches versus geozentrisches Weltbild) und lässt den Golem für Perl Wasser holen – was natürlich schief geht. Sie greift außerdem die Idee auf, was passieren könnte, wenn der Golem plötzlich intelligent wird, sprechen lernt und einen eigenen Willen entwickelt.
Für all das benötigt sie weniger als 170 Seiten und trotzdem wirkt die Erzählung nie gehetzt oder überladen. Lediglich die Rolle von Zelmira hätte besser ausgearbeitet bzw. integriert werden können. Zelmira formt zwar zu Beginn der Geschichte selbst eine kleine Lehmfigur und führt uns damit auf die falsche Fährte, sie hätte etwas mit der Erschaffung des Golem zu tun. Doch leider bleibt sie letzten Endes nur eine Beobachterin und hat für die eigentliche Geschichte keine wirkliche Relevanz. Sie ist eine zufällige Zeugin, die uns die Geschichte berichtet. Gegen Ende des Buches hat Éliette Abécassis versucht, Zelmira eine eigene Geschichte zu geben. Das kommt aber relativ plötzlich, beinahe aus dem Nichts und ist auch sehr schnell abgehandelt. Die Szene fügt sich daher nicht harmonisch in den Rest der Geschichte ein und wirkt erzwungen, so, als hätte die Autorin nach Fertigstellung ihres Buches nachträglich noch eine eigene Geschichte für Zelmira erfinden müssen.
Leider gibt es auch einen Fehler in der Geschichte – bei dem ich jedoch unsicher bin, ob er beim Übersetzen entstand oder bereits im französischsprachigen Original existiert: Als der Golem Intelligenz erlangt und sprechen kann, ist seine Sprechweise nicht einheitlich umgesetzt. Zu Beginn spricht er nur einzelne Wörter; kurz darauf spricht er korrekte lange, teils komplexe Sätze und im nächsten Moment bringt er wieder nur 3-Wort-Sätze mit falscher Konjugation hervor.
Visuell ist „Der Schatten des Golem“ dank Benjamin Lacombes Künsten großartig und abwechslungsreich umgesetzt. Uns begegnen mal reduzierte und mal sehr detailreiche Illustrationen. Manche sind schwarz-weiß und erinnern beispielsweise an Lacombes Interpretationen von Poes „Unheimliche Geschichten“. Andere sind vollfarbige Seiten, die uns manchmal einen Blick von außen auf die Figuren werfen lassen, uns ein anderes Mal aber auch direkt durch Zelmiras Augen sehen lassen.
Fazit:
Éliette Abécassis hat mit „Der Schatten des Golem“ eine vielseitige, kurze Neuinterpretation des Prager Golem geschaffen, dessen Themen leider wieder sehr aktuell sind. Inhaltlich und sprachlich weist das Buch wenige Schwachstellen auf. Über diese trösten aber die warmen Bilder von Benjamin Lacombe hinweg.



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