​Hinter mir bzw. uns liegen zwei Wochen Rundreise durch Portugal: Von Porto im Norden des Landes ging es durch Natur und Dörfer des (östlichen) Landesinneren runter an die Algarve. Wie immer bei unseren Reisen waren die Tage gefüllt mit Wanderungen und Städte- und Dorferkundungen, sodass für das Lesen kaum Zeit blieb. Rückblickend habe ich dann aber doch mehr „geschafft“ als auf anderen Reisen/Urlauben.

Reise in ein namenloses Wiener Café

Als eigentliche Reiselektüre wählte ich Robert Seethalers „Das Café ohne Namen“. Das Buch wollte ich schon lange lesen und für die Reise schien es mir als passende entschleunigende Lektüre. So war es dann auch. „Das Café ohne Namen“ ist eines dieser Bücher, die keinen klassischen Spannungsbogen haben, keine spektakuläre Handlung aufweisen, aber trotzdem dazu führen, dass ich mich völlig darin verlieren kann. Robert Seethaler gelingt es wie nur wenigen anderen, den Charme des Alltäglichen einzufangen und eine behagliche Vertrautheit zu schaffen. Ich habe es geliebt, zu verfolgen, wie Protagonist Robert Simon sich im Wien der 1960er Jahre seinen Traum eines eigenen Cafés erfüllt. In und um das namenlos bleibende Café spielt sich das Leben mit all seinen kleinen und großen Freuden, Sorgen und Nöten ab: entstehende Beziehungen; Beziehungsprobleme; neue Freundschaften; Jahrzehnte andauernde Freundschaften; wirtschaftliche Krisen; gesellschaftliche Veränderungen; Suchen nach sich selbst; gelebte, aber endende Träume; geplatzte Träume; die Auswirkungen von Elternschaft auf Identität und Individualität; Einsamkeit; Verlust; Älterwerden. In meist leisen, unaufgeregten Szenen verpackt Robert Seethaler das Mensch-Sein und das Miteinander in all seiner Schönheit und (bittersüßen) Traurigkeit. Gleichzeitig zeigt „Das Café ohne Namen“ die Bedeutung Dritter Orte auf. Robert Simons Café wird für viele Menschen zu einem wichtigen Lebensmittelpunkt, einem Ort der Gemeinschaft, des Ankommens und des Seins. Auch ich hätte an diesem Ort, in diesem Buch noch ewig verweilen können.

„Immerhin kann er gut reden. Ja, weil er nichts zu sagen hat. Menschen, die was zu sagen hätten, reden meistens nichts.“ (Robert Seethaler: „Das Café ohne Namen“, S. 103, Ullstein 2023, ISBN: 978-3-8437-2901-7,  ASIN: B0BJW34LFR)

Reisen durch Zeit und Raum und zu vom Aussterben bedrohten Tierarten

Neben dem „Selbst-Lesen“ bot die Portugalreise die Möglichkeit, mehr bzw. intensiver Hörbücher zu hören. Im vergangenen Jahr entdeckten wir während der langen Autofahrten in Schweden das gemeinsame Hörbuchhören für uns. Auch in Portugal hatten wir vereinzelte Tage, die wir überwiegend auf der Straße verbrachten. Dabei begleitete uns Stephen Hawkings „Eine kurze Geschichte der Zeit“ (gelesen von Frank Arnold). Ich muss gestehen, dass ich Hawkings Klassiker im Großen und Ganzen nicht gänzlich „rund“ bzw. gelungen finde. Es war zweifellos spannend und informativ, doch hatte ich manchmal das Gefühl, dass er während des Schreibens ein wechselndes Publikum vor Augen hatte: Manche Aspekte erläutert Hawking sehr anschaulich und detailliert, er greift auf durchgeführte Experimente und Beispiele zurück, bspw. wenn es darum geht, warum Uhren je nach Distanz zur Erde unterschiedlich schnell laufen. Es gab sogar Stellen, wie bei der Erläuterung von Einsteins berühmtester Formel E=mc2, bei denen ich das Gefühl hatte, dass Hawking gar kein Vorwissen voraussetzt. Dann wiederum gibt es Themen und Zusammenhänge, bei denen Hawking zu abstrakt und sprachlich auf sehr wissenschaftlichem Niveau bleibt, wodurch manches für mich nicht greifbar genug wurde. Ganz allgemein erschien mir Hawking aber als ein guter Geschichtenerzähler, der vor allem durch viel (Eigen-)Humor, (Selbst-)Reflexion und Menschenkenntnis überzeugt. Und seine Erklärung dafür, wieso es keine hochentwickelten, außerirdischen Lebensformen gibt, welche die Erde besuchen, fand ich nicht nur witzig, sondern auch sehr einleuchtend und schlüssig.

„Die Letzten ihrer Art“ von Douglas Adams und Mark Carwardine (gelesen von Stefan Kaminski) wurde mir zum Ende des Sommers mehrfach empfohlen und begleitete mich daraufhin schon vor unserer Portugalreise bis hin zum Rückflug. Science-Fiction-Autor Douglas Adams und Zoologe Mark Carwardine schildern in „Die Letzten ihre Art“ ihre Reisen aus den 1980ern in Regionen, in denen vom Aussterben bedrohte Tierarten leben. Eigentlich ein Thema, das vollkommen mein Interesse weckt. Ich wurde jedoch enttäuscht und kann mich den überschwänglichen Empfehlungen absolut nicht anschließen.

Das ursprünglich 1990 erschienene Buch ist schlecht gealtert – sowohl hinsichtlich der Art, wie Douglas Adams seinen Reisebericht aufzieht, als auch in Bezug auf die erwähnten, vom Aussterben bedrohten Tierarten. Als Adams bspw. über die Komodowarane schrieb, als wären diese eine äußerst unbekannte Tierart, hat mich das extrem irritiert, da ich bereits als Kind in den 1990ern – also nur rund 5 Jahre nach Erscheinen des Buches – in Fernsehen und Zeitschriften oft etwas über Komodowarane sah und las. Wirklich enttäuschend fand ich aber, dass Adams und Carwardine bei manchen ihrer Reisen zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten überraschend wenig über die entsprechenden Tiere erzählten. In vielen Fällen überwiegen ihre Schilderungen über Transport- und Bürokratieprobleme während der Reisen, über Begegnungen mit anderen Menschen und über ihre Wahrnehmung anderer Menschen und Kulturen. Zwar legt Douglas Adams als Hauptautor und Ich-Erzähler des Buches immer wieder Selbstironie an den Tag, doch schildert er andere Menschengruppen, Kulturen und Traditionen mit einer als Humor verkauften (westlichen) Überheblichkeit und Abwertung gegenüber allem, was irgendwie ungewohnt und „anders“ ist. Dabei reproduziert er etliche Stereotype – nicht nur der betreffenden Kulturen, sondern auch hinsichtlich dessen wie Menschen aus dem geopolitischen Westen mit den Menschen und dem Alltag in anderen Teilen der Welt umgehen. Ich habe mich beim Lesen extrem fremdgeschämt! Dies gilt insbesondere bei der Schilderung von Adams‘ und Carwardines Reise nach China. Dass Stefan Kaminski die jeweiligen chinesischen Personen mit einem Klischee-Akzent spricht, macht diese Stellen umso unangenehmer. Dabei schätze ich Stefan Kaminski als Hörbuchsprecher normalerweise sehr und abseits dieser Momente trägt er „Die Letzten ihrer Art“ auch wirklich sehr spannend und abwechslungsreich vor.

Trotz all dessen gab es zumindest vereinzelte Stellen, die gut waren: Interessant fand ich beispielsweise die geschilderten Gespräche auf Mauritius über „seltene“ und „seltenere Art“ sowie die Berichte über die Kakapos auf Neuseeland. Bei Letzteren konnte ich als Hörerin mitfühlen, wie kostbar manche Entdeckungen und Momente waren, und bekam auf sehr witzige Art vermittelt, warum die Fortpflanzung für Kakapos so schwierig ist. An ebenjener Stelle brilliert auch Stefan Kaminski mit seiner Darbietung eines balzenden Kakapos, die mir wohl für immer im Gedächtnis bleiben wird.