Auf der Leipziger Buchmesse 2024 wurden mir Diane Oliver und ihre Kurzgeschichten als eine großartige, wichtige Neu- bzw. Wiederentdeckung präsentiert: Die US-Autorin schrieb in den 1960er Jahren eine Fülle an Kurzgeschichten, die sich – nicht nur, aber vor allem – mit dem Rassismus gegenüber Schwarzen auseinandersetzen. Doch Diane Oliver starb bereits 1966 im Alter von nur 22 Jahren. So blieben ihre Geschichten lange unbekannt, bis die britische Literaturagentin Elise Dillsworth fast 60 Jahre später durch Zufall von Diane Oliver erfuhr. saIm Kurzgeschichtenband „Nachbarn“ werden uns Diane Olivers Texte seit 2024 präsentiert.

Die titelgebende Geschichte „Nachbarn“ ist die erste Geschichte des Bandes und zugleich die beste. Schwarze dürfen endlich auch Schulen besuchen, an denen zuvor ausschließlich weiße Menschen unterrichtet werden durften. Auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ein großer Erfolg, aber auch auf individueller Ebene? Als bekannt wird, dass die Mitchells ihren Sohn Tommy an einer dieser Grundschulen angemeldet haben, rückt die Familie in den Fokus der Öffentlichkeit: Die Presse lauert ihnen überall auf, Weiße bedrohen die Schwarze Familie und es kommt zu Gewalt. Das konfrontiert die Mitchells und uns Lesende mit der Frage, was „richtig“ ist: Sollte die Familie sich für die neu erkämpften Rechte einsetzen und ihren Sohn allen Protesten und Gefahren zum Trotz an eine vormals weiße Schule schicken? Oder steht der Schutz des Jungen und das (Über-)Leben der ganzen Familie an oberster Stelle? Steht die individuelle Unversehrtheit über dem gesellschaftlichen Einsatz für gleiche Rechte? Diese Fragen müssen wir wie die Mitchells individuell für uns selbst beantworten; ein pauschales Richtig oder Falsch kann es nicht geben. Blickt man auf aktuelle politische Entwicklungen, stellen sich solche Fragen heute leider erneut. „Nachbarn“ habe ich angesichts dieser Aktualität mit einem beklemmenden Gefühl gelesen. Die Eindringlichkeit, mit der Diane Oliver die Szenen schildet und wie intensiv die Gefahr auf wenigen Seiten pausenlos spürbar ist, machen die Kurzgeschichte umso aufwühlender.

Auch die zweite Geschichte „Die Kammer im obersten Stock“ geht diesen Fragen nach; dieses Mal aus der Perspektive einer Schwarzen Studentin an einem von Weißen dominierten College. Hier steht nicht mehr im Raum, ob Schwarze Eltern ihr Kind an eine vormals rein von Weißen besuchte Einrichtung schicken, sondern die psychischen Folgen, die sich aus der erlebten Ausgrenzung ergeben, werden sichtbar. „Die Kammer im obersten Stock“ kann damit fast als eine Art Fortsetzung von „Nachbarn“ betrachtet werden, wenngleich es sich um andere Figuren handelt.

Doch Diane Oliver widmet sich nicht nur dem Thema Rassismus, sondern greift verschiedene Formen von (struktureller) Benachteiligung auf. Sie erzählt von Frauen, deren Leben nur aus Arbeit und Familie besteht, die alles für andere opfern – und die immer wieder zurückstecken, sich anderen unterwerfen müssen und abhängig von Männern bleiben. Sie erzählt von Klassenunterschieden und Strukturen, die das alltägliche Leben für manche Menschen grundsätzlich immer schwerer machen als für andere, privilegiertere Gruppen.

Die Stärke von Olivers Geschichten liegt dabei vor allem in der Charakterisierung der Figuren. Es ist selten, dass Figuren in Kurzgeschichten eine solche Tiefe haben und wir so viel über sie erfahren, ohne dass das zu Wissende immer explizit ausgesprochen wird. Die Geschichten leben von dem Blick ins Innere der Figuren, weniger von den Handlungen und Ereignissen um sie herum.

Die Qualität der Kurzgeschichten schwankt dabei aber leider sehr – wie das meist bei Kurzgeschichtensammlungen der Fall ist. Immer wieder gibt es Geschichten, die für mich noch unausgegoren wirken oder deren Relevanz für mich fraglich geblieben ist. Wenn Diane Oliver bspw. über das erste Zusammentreffen einer Frau mit ihrer pubertären Stieftochter schreibt, erzählt sie dabei nichts, was wir – zumindest aus heutiger Sicht – nicht schon millionenfach in Filmen, Serien und Büchern präsentiert bekommen haben.

In anderen Geschichten lässt sich zwar das gesellschaftliche Problem erkennen, ist aber in seiner Schilderung nicht so gelungen, dass es sonderlich nachhallt oder augenöffnend wirkt. In „Gesundheitsdienst“ begleiten wir Libby, die mit ihren Kindern einen langen, anstrengenden Weg in die Ambulanz zurücklegt, da eines der Kinder eine Impfung benötigt. Sie sitzen Stunden im Wartezimmer – und werden dann doch weggeschickt, weil das medizinische Personal Feierabend macht. Ja, so etwas ist frustrierend und ein Armutszeugnis für das Gesundheitssystem und damit für eine Gesellschaft, die in diesem Fall Kranke und Schwache im Stich lässt. Noch heute erleben wir solche Momente in verschiedenen Bereichen: Arztpraxen, die Patient*innen selbst bei ernsten, akuten Erkrankungen wegschicken, weil sie keine neuen Patient*innen aufnehmen; monatelanges Warten auf Termine bei Schmerzen; stundenlanges Warten in Praxen und Behörden trotz vorab vereinbarter Termine … Unbestritten: Das sind Situationen, die Abhängigkeiten schaffen, teils ganze Jahresplanungen über den Haufen werfen oder im schlimmsten Fall dazu führen, dass jede Hilfe zu spät kommt. Doch diese Auswirkungen werden in „Gesundheitsdienst“ nicht einmal unterschwellig aufgegriffen. Auch hat Diane Oliver die Chance verpasst, aufzuzeigen, was ein solcher verlorener Tag für eine Familie – vor allem für die Mutter – konkret bedeutet: Libby kann wegen der Impfung einen Tag lang nicht arbeiten, ihre Familie ist aber auf jeden Cent angewiesen, umso mehr, nachdem ihr Mann Hal sich vor Monaten aus dem Staub gemacht hat. Dieser Tag ohne Arbeit wird somit doppelt zur Belastung für die Familie, da Libby an einem anderen Tag erneut die Ambulanz aufsuchen muss und so zwei Arbeitstage samt Einkommen verliert. All das hätte Diane Oliver gut beleuchten können, es aber weitgehend bei einem reinen Bericht des Tages belassen.

Mehr Tiefe erfährt die Geschichte von Libby und ihrer Familie jedoch in der Fortsetzung „Stau“. Zunächst erleben wir Libbys Tag als Haushälterin, bis plötzlich ihr Mann Hal auftaucht. In dieser Szene zeigt uns Diane Oliver die Fülle an – teils widersprüchlichen – Emotionen, die Libby durch das Wiedersehen erlebt. Vor allem aber rückt sie in den Fokus, wie abhängig und benachteiligt (Schwarze) Frauen früher waren: Der Mann lässt die Familie im Stich, weil ihm alles zu viel wird und er Zeit für sich braucht; die Frau und Mutter bleibt mit den Kindern allein zurück, muss Haushalt, Kinderbetreuung und Vollzeitjob managen; sie kann sich nicht einfach einen Tag für sich frei nehmen. Obwohl ihr Leben folglich nur aus Arbeit besteht, reicht es trotzdem kaum zum Überleben. Und dann taucht ein Jahr später Libbys Mann auf und tut, als wäre alles okay, erwartet, einfach dort weiterzumachen, wo ihr gemeinsames Leben vor langer Zeit endete. Während Libby kaum genug Geld hat, um Lebensmittel zu bezahlen, hat ihr Mann Hal ein Auto gekauft und Unmengen an Süßigkeiten im Gepäck. Er redet davon, wie sehr sich die Kinder darüber freuen werden, während er keinerlei Bewusstsein dafür hat, dass es an anderen, existenziellen Dingen fehlt – ja, er interessiert sich nicht einmal dafür, wie es seiner Frau und seinen Kindern überhaupt geht. Kein Wunder also, dass „Stau“ mich wütend gemacht hat und neben „Nachbarn“ die Geschichte ist, die mich am nachhaltigsten beschäftigt.

Fazit:

Entgegen den Versprechungen wurde Diane Olivers Kurzgeschichtensammlung „Nachbarn“ für mich keine literarische Sensation. Einige Geschichten sind sehr stark und stellen kritische Fragen – an die Figuren, an uns als Lesende, an Gesellschaft und Politik. Dazwischen gibt es jedoch immer wieder Geschichten, die banal und überflüssig wirken oder deren Potenzial nicht ausgeschöpft wurde. Dennoch ist Diane Oliver eine wichtige literarische Stimme, weil sie die strukturelle Benachteiligung von Schwarzen, von Frauen und insbesondere von Schwarzen Frauen in den Mittelpunkt rückt – sie schaffte damit jenen Gehör und Sichtbarkeit, die zu Olivers Lebzeiten keine eigene Stimme hatten / haben durften.

Diane Oliver: „Nachbarn“, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg, Aufbau 2024, ISBN: 978-3-351-04224-0