Mein Bücherfrühjahr war geprägt von Parallellektüren, die mich durch Bücher unterschiedlichster Genres und Themen führen. Auch ohne Besuch der Leipziger Buchmesse bekam ich so also ausreichend Abwechslung und Vielfalt.

Phantastische Literatur als Garant für gute Lesestunden

Auftakt bildeten zwei Fantasyromane: Walter Moers‘ „Qwert“, das ich hier auf dem Blog bereits besprochen und zum Jahreshighlight erkoren habe, sowie Akram El-Bahays „Die Buchreisenden – Band 1: Ein Weg aus Tinte und Magie“ in der von Thomas Schmuckert gelesenen Hörbuchversion.

Über Akram El-Bahays Bücher hörte und las ich jahrelang viele begeisterte Eindrücke. Als der Autor und sein Hörbuchsprecher 2025 „Die Buchreisenden“ auf der LBM vorstellten, nutzte ich die Gelegenheit, mir selbst einen ersten Eindruck zu verschaffen – und wurde von der Begeisterung angesteckt. Bis zum Hören des Hörbuchs sollte aber noch Zeit vergehen. Erst in den letzten Monaten reiste ich abends und auf langen Zugfahrten mit Adam, Elisa sowie Kobold Luthin durch London und zwischen die Buchdeckel.

Allein Akram El-Bahays Idee dürfte alle Geschichtenliebenden für sich gewinnen: Eine geheime Firma bietet Reisen in berühmte Geschichten an. Doch diese verlockend klingenden Ausflüge sind keine harmlosen Spaziergänge und es gilt, wichtige Regeln einzuhalten: vorgegebenen Wegen folgen, nichts mitnehmen, zur vereinbarten Zeit wieder am Startpunkt sein und niemals von den Figuren der Geschichte entdeckt werden. Andernfalls wird es für die Buchreisenden gefährlich: Wenn die Zeit abgelaufen ist, die Buchreisenden plötzlich von einem Vampir verfolgt werden, dem wütenden Drachen Fáfnir gegenüberstehen oder ihnen ein Troll nach dem Leben trachtet, werden selbst die Lieblingsgeschichten lebensbedrohlich.

Screenshot aus der Audible-App mit dem Cover der Hörbuchversion von "DIe Buchreisenden"

Das Ganze ist derart spannend und absorbierend geschrieben und von Thomas Schmuckert mit so viel stimmlicher Varianz vorgetragen, dass „Die Buchreisenden“ für mich als Gute-Nacht-Lektüre nicht immer funktionierte – gerade nach den oben genannten Begegnungen mit fantastischen Wesen hatte mich das Kopfkino oft zu aufgekratzt, um einschlafen zu können. Trotzdem ist „Die Buchreisenden“ aber auch ein Feelgood-Buch für Bibliophile, die ihre vertrauten Welten erneut besuchen können, und allen voran ist das Buch eine Liebeserklärung an die Fantasie und das (Vor-)Lesen. Mit dem zweiten und letzten Teil der Buchreihe werde ich daher in Kürze starten.

Abseits der Fantasy: Irgendwie gut, aber irgendwie auch nicht ganz überzeugend

Meine übrigen Frühjahrsbücher hingegen könnten von Phantastischer Literatur kaum weiter entfernt sein.

John Boynes „A History of Loneliness“ greift den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch christliche Geistliche in Irland auf – erzählt aus der Sicht eines Priesters, der sich bei Enthüllung der Verbrechen die Frage stellt, ob er davon hätte wissen können, und warum er die Wahrheit nicht gesehen hat (oder nicht sehen wollte?). Bis es so weit kommt, vergehen aber zwei Drittel des Romans. Zuvor begleiten wir den Priester Odran Yates durch sein ganzes Leben, lernen ihn als Kind, Jugendlichen, Sohn, Bruder, Onkel und natürlich auch als Priester kennen. Und wir erleben an seiner Seite, wie sich die öffentliche Wahrnehmung und der Respekt gegenüber Geistlichen durch die Missbräuche verändert. Mir persönlich hätte das Thema innerhalb des Romans schon deutlich früher und konkreter aufgegriffen werden können, anstatt nur in wenigen, vereinzelten Andeutungen anzuklingen. Gerade auf gesellschaftskritischer und psychologischer Ebene aus Sicht von Priester Odran Yates hätte es noch mehr Potenzial gegeben. Allerdings hat mir der Roman auch wieder vor Augen geführt, warum ich John Boynes Bücher früher so gern gelesen habe: Er legt das Innerste seiner Figuren mit all den Widersprüchen, Selbstzweifeln, Selbstreflexionen, Ängsten und Fragen offen; verleiht ihnen komplexe Hintergrundgeschichten und gibt uns dadurch das Gefühl, ihr ganzes Leben zu kennen. Genau diese Art, Figuren zu schaffen, vermisse ich in vielen anderen Büchern, die uns oft nur stark limitierte Lebensabschnitte und gedankliche Ausschnitte ihrer Figuren präsentieren.

Neben „A History of Loneliness“ ließen mich auch der Liebesroman „Okaye Tage“ von Jenny Mustard und das Sachbuch „Was Männer nie gefragt werden“ von Fränzi Kühne mit gemischten Eindrücken zurück.

Als Person, die von Liebesromanen meist gelangweilt und frustriert wird, hat mich Jenny Mustards „Okaye Tage“ grundsätzlich positiv überrascht, da die zum Scheitern verurteilt wirkende Beziehung zwischen Luc und Sam sehr authentisch erzählt ist. Die erste Phase der Verliebtheit mit den einhergehenden Zweifeln, den Kompromissen und den Anpassungen und Verstellungen, um zu gefallen ist realistisch aufgegriffen. Auch die Herausforderungen, die der Alltag und das Zusammenleben mit sich bringen, wenn man realisiert, dass beide verschiedene Anforderungen an Alltag haben, werden thematisiert. Platz findet auch, woran viele Beziehungen immer wieder zerbrechen: unterschiedliche Vorstellungen der eigenen Zukunft (Stichwort: Familienplanung) und die Finanzen. Das alles wird in der ersten Hälfte des Romans noch leicht und unterhaltsam zwischen all den positiven, euphorischen Momenten einer Beziehung verarbeitet, nimmt ab der Mitte aber deutlich ernstere Töne an.

Problematisch fand ich jedoch durchgehend die Beziehung zwischen Luc und Sam, was vor allem an Sams Charakter und Verhalten lag. Sam steht immer unter Strom, ist sehr extrovertiert, direkt, muss quasi pausenlos unter Menschen sein und etwas unternehmen, trinkt und feiert exzessiv, nimmt Drogen. Damit schadet sie im Laufe des Buches sich selbst und „absorbiert“ auch Luc. Denn Luc ist ruhiger, strukturierter, legt Wert auf Sport und gesunde Ernährung – doch in Sams Gegenwart trinkt auch er zu viel, isst ungesund, macht keinen Sport mehr, schläft zu wenig. Immer wieder gibt es Situationen, in denen die zwei sich selbst und ihre Verpflichtungen vernachlässigen oder Geld ausgeben, das sie nicht haben.

Zudem ist Luc derjenige, der die Beziehung durch viel Zuwendung, Aufmerksamkeit, Verständnis und Geduld am Laufen hält, der regelrecht aufopfernd ist. Durch diese charakterlichen Gegensätze kommen seine Bedürfnisse und seine Gesundheit immer wieder zu kurz. Ja, Sam und Luc empfinden zwar eine intensive Liebe füreinander und verstehen einander, wie kaum jemand anderes, doch ihre Liebe ist verzehrend und alles andere als wohltuend. Angesichts all dessen hat Sam mich immer wieder genervt und wütend gemacht – und das Ende des Buches enttäuscht.

Abseits der eigentlichen Geschichte fiel mir das inklusive Gendern in „Okaye Tage“ positiv auf. Eine schlechte Entscheidung war hingegen das Cover, das austauschbar und ohne Bezug zur Story ist und dessen blonde Coverfigur optisch das Gegenteil der dunkelhaarigen, rumänisch-schwedischen Sam ist.

Die letzte – und noch nicht beendete – Frühjahrslektüre stellt Fränzi Kühnes „Was Männer nie gefragt werden (Ich frage trotzdem mal.)“ dar. Fränzi Kühne wurde 2017 zur jüngsten Aufsichtsrätin eines börsennotierten Unternehmens und machte dabei die gleichen Erfahrungen wie andere erfolgreiche Frauen: Statt Kompetenz stehen das Aussehen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das Geschlecht und Frauenquoten im Fokus. Das nahm sie zum Anlass, um all die sexistischen, vorurteilsbehafteten Interviewfragen, die sonst Frauen gestellt werden, erfolgreichen Männern zu stellen.

Aktuell bin ich bei der Hälfte des Buches angekommen und bisher ein wenig ernüchtert ob der Reaktionen der Männer. Zwar sahen sich manche von ihnen zum ersten Mal damit konfrontiert, welch irrelevanten, sexistischen und suggestiven Fragen Frauen gestellt werden („Was tragen Sie heute?“, „Glauben Sie, Sie haben diesen Posten nur bekommen, weil Sie eine Frau sind?“ etc.) und einige Interviewpartner gingen damit recht reflektiert um. Doch ernsthafte Selbst-, Gesellschafts- und Medienkritik, Überraschung oder Entsetzen blieben oftmals aus. Vieles liest sich eher nach: „Euch Frauen werden schon merkwürdige Fragen gestellt. Ich beantworte die jetzt auch einmal, amüsiere mich aber ein wenig darüber und hab das alles nach dem Gespräch sowieso schon wieder vergessen und abgehakt.“ Vielleicht liegt es daran, dass den interviewten Männern diese Fragen eben nur einmal gestellt werden, während erfolgreiche Frauen damit in fast jedem Interview konfrontiert werden, ihr Aussehen in nahezu jedem Artikel kommentiert wird. Nur die wenigstens Befragten haben bisher wirklich gespürt und erkannt, was solche wiederkehrenden oberflächlichen Fragen und Rollenklischees mit dem Selbstbild, der Bewertung der eigenen Kompetenzen und der öffentlichen Wahrnehmung von Frauen machen. Aber vielleicht verlieren bis zum Ende des Buches doch noch einige Gesprächspartner ihre Leichtigkeit und ihr süffisantes Lächeln.