In „Dunkle Halunken“ führt Terry Pratchett die Lesenden einmal nicht in die Scheibenwelt, sondern ins viktorianische London. Im Mittelpunkt steht der 17-jährige Straßenjunge Dodger, ein sogenannter Tosher, der in der Kanalisation nach Münzen und anderen Wertgegenständen sucht und als bester seines Fachs gilt. Er verfügt über Cleverness, eine Art „Straßenschläue“, ein gutes Netzwerk und weiß sich in den Armenvierteln Londons zu behaupten. Gleichzeitig hatte ich beim Lesen aber oft einen deutlich jüngeren Jugendlichen vor Augen: Sprache, Verhalten und auch die Art, wie andere Figuren mit Dodger umgehen, wirkten auf mich kindlicher, als es seinem eigentlichen Alter entsprechen sollte.

Eines Nachts rettet Dodger eine junge Frau vor mehreren gewalttätigen Männern. Fortan fühlt er sich für sie verantwortlich und setzt alles daran, die „Simplicity“ genannte Frau vor ihrem Ehemann zu schützen, der sie gegen ihren Willen zurückholen will. Dadurch gerät Dodger unverhofft in die Kreise der Londoner Oberschicht und wird von niemand Geringerem als Charles Dickens begleitet und unterstützt.

In kürzester Zeit überschlagen sich die Ereignisse für Dodger: Gleich mehrfach gerät er in Situationen, die ihn als Helden erscheinen lassen und ihm zu Ansehen bei Adel und Politik verhelfen. Dabei zeigt Terry Pratchett sehr schön, wie schnell Menschen ihre Meinung über Personen ändern, sobald sie sich einen Vorteil davon versprechen. Der Straßenjunge, der zuvor kaum Beachtung fand, wird plötzlich hofiert und bewundert, trifft schließlich sogar auf Queen Victoria. Überhaupt wimmelt es in Dunkle Halunken von historischen Persönlichkeiten. Dodger begegnet unter anderem Robert Peel, Ada Lovelace und Charles Babbage. Außerdem verknüpft Pratchett seinen Roman mit der Legende um Sweeney Todd und fügt dieser dank Dodger eine neue Perspektive hinzu. Ich liebe es, vertraute Geschichten und Figuren in anderen Büchern neu zu entdecken – das ist wie ein überraschendes Wiedersehen mit guten Bekannten, die man seit langer Zeit nicht gesehen hat.

In dieser für ihn ungewohnten Welt muss sich Dodger von einen Tag auf den nächsten zwischen Etikette, gesellschaftlichen Konventionen und einflussreichen Persönlichkeiten zurechtzufinden – was ihm erstaunlich gut gelingt. Einen großen Anteil daran hat Solomon Cohen, der jüdische Uhrmacher, bei dem Dodger lebt. Solomon hat ein ereignisreiches Leben hinter sich, das ihn durch viele Länder führte und in Kontakt mit verschiedensten Kreisen der Gesellschaft brachte. Vieles davon wird uns Lesenden nur angedeutet und ich hätte gerne mehr über ihn erfahren. Solomon bietet als Figur genug Potenzial für ein eigenes Buch – in meinen Augen ist er die interessanteste Figur in „Dunkle Halunken“.

Pratchett gelingt es generell hervorragend, Dodgers Welt lebendig werden zu lassen. Die verwinkelte Kanalisation, die Gefahren der Armenviertel sowie die alltäglichen Folgen von Armut und mangelnder Hygiene sind atmosphärisch eingefangen und vermitteln ein lebendiges Bild des viktorianischen Londons. Dennoch wirkt der Roman nie bedrückend und ist trotz vieler düsterer Themen leicht und unterhaltsam geschrieben. Genau das ist für mich allerdings Fluch und Segen zugleich, da ich dadurch zu viel emotionale Distanz behielt und die Geschichte mich nicht genug an sich binden konnte.

Fast schon nebenbei greift Pratchett in „Dunkle Halunken“ auch gesellschaftliche Themen auf. Simplicitys Schicksal macht deutlich, wie selbstverständlich Frauen im 19. Jahrhundert als Besitz ihrer Ehemänner betrachtet wurden. Ebenso zeigt der Roman immer wieder die Widersprüche und die Scheinheiligkeit einer Gesellschaft, die nur das sehen möchte, was in ihr Weltbild passt. So wird Dodger gefeiert, weil Sweeney Todd durch seine Taten überführt wird. Dass Dodger in dem Barbier aus der Fleet Street in erster Linie einen vom Krieg traumatisierten Mann sieht, der Hilfe benötigt, interessiert hingegen kaum jemanden. Hierin liegt für mich allerdings auch eine große Schwäche und vergeudete Chance des Romans: Terry Pratchett spricht viele spannende und wichtige gesellschaftliche Themen an, streift sie jedoch nur kurz oder verpackt sie in so viel Leichtigkeit, dass sie selten die Schärfe einer echten Gesellschaftskritik entfalten. Wer die Scheibenwelt-Romane kennt, weiß, dass Pratchett dazu eigentlich hervorragend in der Lage ist. Deshalb hatte ich an dieser Stelle mehr erwartet.

Hinzu kommt, dass die Handlung wiederholt von sehr unwahrscheinlichen Zufällen lebt. Dodger scheint immer genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und die Lösungen für alle Probleme werden ihm quasi auf dem Silbertablett serviert. Das wird mit zunehmendem Verlauf der Handlung vorhersehbar und langweilig.

Fazit:

Terry Pratchetts „Dunkle Halunken“ ist ein leicht und unterhaltsam geschriebener Roman, der in einem düsteren Setting spielt. Sich in den dunklen Ecken des viktorianischen London zu bewegen, ist spannend. Außerdem macht es Spaß, den verschiedenen historischen und literarischen Persönlichkeiten zu begegnen. Leider hat Pratchett die Handlung aber zu konstruiert aufgebaut und gesellschaftliche Themen zu oberflächlich und seicht behandelt.

Terry Pratchett: „Dunkle Halunken“, aus dem Englischen übersetzt von Andreas Brandhorst, ivi 2013, ISBN: 978-3-492-70301-7