Ist man einmal in die Tolkienschen Welten eingetaucht und hat über Landschaften, Sprachen und Legenden gestaunt, lässt dieser Zauber nicht mehr los. Ich selbst könnte mich immer wieder aufs Neue in Mittelerde verlieren; das Auenland ist für mich das Sinnbild von Frieden und Unbeschwertheit und nach 15 Jahren fasziniert mich Tolkiens komplexes Universum mehr denn je.

Wer sich mit Mittelerde beschäftigt, stößt ziemlich schnell darauf, wie sehr germanische Mythologie, Linguistik und der Erste Weltkrieg John Ronald Reuel Tolkiens Schaffen prägten. Spätestens seit dem großen „Herr der Ringe“-Abend in Leipzig 2019 genieße ich es, über diese Grundlagen hinaus noch tiefer in die Hintergründe und Entstehungsgeschichten einzutauchen und war daher sehr gespannt auf „Die Erfindung von Mittelerde – Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte“.

John Garth widmet sich hierin vordergründig realen Orten, die sich mal mehr, mal weniger stark auf die Geografie Mittelerdes auswirkten, aber auch Sagen, Legenden, kulturellen Bräuchen sowie sprachlichen Einflüssen. Entsprechend ist „Die Erfindung von Mittelerde“ nicht nach realen oder fiktiven Orten oder Werken Tolkiens strukturiert, sondern nach allgemeineren Oberthemen geordnet, wie zum Beispiel „Küste und Meer“, „Baumdurchwirkte Lande“ oder „Altertümliche Spuren“. Dabei gibt es zwischen allen Kapiteln immer wieder Überschneidungen und sehr schnell wird den Lesenden klar, dass es nie nur eine direkte Verbindung zwischen einem realen und einem fiktiven Element gibt. Elemente der Artussage und des Nibelungenlieds finden sich in vielfältiger Form in unterschiedlichen Texten wieder; Küsten, Gebirge, Vulkane und Wälder verschmelzen zu den mystischen Orten, die den Zauber von Tolkiens Büchern ausmachen; England und die Alpen prägten die Geografie Mittelerdes zum Teil so stark, dass Kartenabschnitte Mittelerdes und Großbritanniens fast deckungsgleich sind. Immer wieder war ich fasziniert davon, wie eng Mittelerde und „unsere“ Welt verknüpft sind und wie präzise und schlüssig Tolkien gearbeitet hat, um Mittelerde zu einem Teil Europas zu gestalten. Zu diesem Zweck hat Tolkien seine Welt und seine Werke stetig weiterentwickelt und überarbeitet – inhaltlich, sprachlich, geografisch sowie in Bezug auf Namen von Personen und Orten. Wer sich der Lektüre von „Die Erfindung von Mittelerde“ widmen möchte, sollte daher mit mehr als nur dem „Hobbit“ oder „Herr der Ringe“ vertraut sein, um die Verweise und Zusammenhänge zu verstehen. Zumindest grob kennen solltet ihr bspw. „Die Abenteuer des Tom Bombadil“, „Nachrichten aus Mittelerde“ und „Beren und Lúthien“. Im Idealfall habt ihr sogar schon „Das Silmarillion“ gelesen. Auch auf dem Gebiet der europäischen Sagen und Legenden ist ein solides Grundwissen von Vorteil, da insbesondere die Artussage, das Nibelungenlied und die Odyssee eine wichtige Rolle spielen.

In seiner Auseinandersetzung mit Tolkiens (potenziellen) Inspirationsquellen beruft sich John Garth auf belegte Theorien und Fakten, greift strittige Ansätze und sich widersprechende Annahmen auf und präsentiert eigene Theorien. All das wird durch umfangreiche Quellenangaben und Endnoten, Fotos, Illustrationen und Karten ergänzt. Gesonderte Themenkästen werfen zudem immer wieder ein Spotlight auf ausgewählte Schwerpunkte.

Sprachlich und inhaltlich kommt „Die Erfindung von Mittelerde – Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte“ fast schon nüchtern-sachlich und analytisch-wissenschaftlich daher. Die Dichte an Informationen kann hin und wieder erschlagend wirken, weshalb das Buch trotz seiner nur rund 200 reich bebilderten Seiten nichts für Zwischendurch ist. Dieses Buch verlangt – und verdient! – von seinen Lesenden Zeit und Konzentration. Auch ist es schier unmöglich, alle Informationen und Parallelen direkt nach der ersten Lektüre zu erfassen. Das ein oder andere wird sich erst beim erneuten Lesen richtig erschließen. Bei meiner zweiten Lektüre werde ich versuchen, die einzelnen Verbindungen für mich zu visualisieren und durch Tabellen, Schaubilder oder ein eigenes Glossar festzuhalten. Denn dergleichen hat mir in „Die Erfindung von Mittelerde“ tatsächlich gefehlt. Angesichts der Fülle von Personen, Titeln und Orten lässt sich leicht der Überblick verlieren – hier wären grafisch dargestellte Zusammenhänge oder Register eine große Orientierungshilfe gewesen.

Trotz all der Flut an Informationen gehen in „Die Erfindung von Mittelerde“ aber nie die Leidenschaft und Anschaulichkeit verloren. Es ist spürbar, mit wie viel Interesse und Begeisterung John Garth auf Tolkiens Pfaden wandelte. Ganz besonders gelingt es dem Autor jedoch, uns Lesenden nahezubringen, was Tolkien am meisten liebte und was ihn am stärksten inspirierte: das ländliche England, Tolkiens Frau Edith, die Wunder der Natur. Die enge, innige Beziehung, die Tolkien zu ihnen hatte, tritt in John Garths Buch immer wieder hervor und bringt uns den Menschen John Ronald Reuel Tolkien noch ein Stück näher. Vor allem die kleinen Anekdoten, fast schon alltäglichen Momente aus Tolkiens Leben sind es, die die nüchternen Fakten greifbar machen und zu kurzen Kopfkinoszenen anregen.

Fazit:

Trotz seines geringen Seitenumfangs ist „Die Erfindung von Mittelerde“ prall gefüllt mit Informationen, Verweisen und Theorien – und viel Liebe zu Tolkiens Lebenswerk. John Garths Buch ist daher nichts für Neulinge in Mittelerde. Aber auch erfahrene Mittelerde-Reisende werden dieses Sachbuch mehrfach lesen, um alles erfassen zu können, und ich empfehle euch, während der Lektüre eigene Notizen zu machen.

John Garth: „Die Erfindung von Mittelerde – Was Tolkien zu Mordor, Bruchtal und Hobbingen inspirierte“, aus dem Englischen übersetzt von Andreas Schiffmann, wbg THEISS 2021, ISBN: 978-3-8062-4260-7