Am 22. März 2019 verwandelte sich die Kongresshalle am Leipziger Zoo für einen Abend in Mittelerde. Rund einen Monat später denke ich noch immer mit einem großen Lächeln an diese Veranstaltung zurück, die zweifellos das Highlight des diesjährigen „Leipzig liest“-Programms bildete.

Mit Balkonen, opulenten, aber nicht aufdringlichen Dekorationen in Form von Tieren und Pflanzen und einer warmen Bühnenbeleuchtung bot die Kongresshalle ein wundervolles, festliches Ambiente, um das 50-jährige Jubiläum der deutschen „Herr der Ringe“-Ausgabe gebührend zu feiern. Als sich dann der Beginn der gänzlich ausverkauften Veranstaltung ankündigte, trat prompt eine fast schon ehrfürchtige Stille ein, wie es sie laut Buchmesse-Direktor Oliver Zille nie zuvor in der Kongresshalle gegeben habe.

„Leser sind ja eh treue Menschen, Tolkien-Leser sind noch mal extra treu“

Mit diesem Kompliment begrüßte nach dem Messe-Chef auch Klett-Cotta Geschäftsführer Tom Kraushaar die 800 Anwesenden und dankte allen Leser*innen, die in dem vergangenen halben Jahrhundert wieder und wieder mit Frodo, Sam, Pippin, Merry, Gandalf, Aragorn, Boromir, Legolas und Gimli nach Mordor aufgebrochen sind. In seiner weiteren Ansprache und den Gesprächen, die Moderator Denis Scheck mit den Beteiligten führte, wurde dabei immer wieder spürbar, dass „Der Herr der Ringe“ (HdR) für alle Buchmenschen etwas ganz Besonderes ist. Denis Scheck, der die deutsche Erstausgabe im Regal stehen hat, habe sich gar wie ein kleines Kind auf diesen Abend gefreut. Es sei eine der wenigen Veranstaltungen des Literaturkritikers, bei denen das Publikum das besprochene Buch tatsächlich gelesen habe.

Augen zu auf und genießen

In den folgenden zwei Stunden entführten uns Andreas Fröhlich (Synchronregie der „Herr der Ringe“-Filme und Sprecher des Gollum) und Timmo Niesner (Sprecher des Frodo) mehrfach in verschiedene Momente aus Tolkiens Meisterwerk -- zunächst in Solo-Lesungen, später im Duett. Bei so fantastischen Sprechern ist Kopfkino natürlich vorprogrammiert und insbesondere bei Timmo Niesners warmer, jungenhafter Stimme wollte ich am liebsten die Augen schließen, um ganz in die Erzählung einzutauchen. Allerdings wären mir dann die Zeichnungen von John Howe entgangen (Illustrator der Tolkien-Werke und Conceptual Artist der „HdR“- und „Hobbit“-Filme). Während Andreas Fröhlich und Timmo Niesner von Bilbos Geburtstag, dem Rat von Elrond und Sméagols Zähmung erzählten, konnten wir auf großer Leinwand verfolgen, wie John Howe Bilbos Haus, Gandalf und Gollum entstehen ließ. Die Kombination aus Lesung und Live-Zeichnen hatte etwas wahrlich Märchenhaftes und Verzauberndes. Kein Wunder also, dass ich sofort Lust bekam, noch einmal zwischen den Buchdeckeln des HdR zu verschwinden. (Der Re-Read folgt im Mai.)

Timmo Niesner und Andreas Fröhlich lesen das Kapitel „Sméagols Zähmung“, während John Howe Gollum zeichnet

Wie „Der Herr der Ringe“ nach Deutschland kam und Gollum seine Stimme fand

Zwischen den Lesungen sprach Moderator Denis Scheck mit Andreas Fröhlich, John Howe, Klett-Cotta-Lektor Stephan Askani, Übersetzer Helmut W. Pesch und Marcel Aubron-Bülles, Gründer der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V., über ihre persönlichen Wege zum „Herr der Ringe“ und über J. R. R. Tolkien im Allgemeinen.[1] Dabei entstand unter Schecks gekonnter Federführung ein facettenreiches und tiefgehendes Porträt von Tolkiens Leben und Werk, das für Neulinge wie langjährige Fans gleichermaßen spannend zu verfolgen war.

Beispielsweise las uns Denis Scheck einen Brief vor, den Tolkien 1938 an den Verlag Rütten & Loening schrieb. Der Verlag wollte damals die Rechte für eine deutsche Übersetzung von „The Hobbit“ erwerben und bat Tolkien um einen Nachweis über seine „arische Abstimmung“. Von Tolkien folgte daraufhin ein gelungener Konter gegen den Faschismus.

Erst Jahrzehnte später sollten sich „The Hobbit“ und „The Lord of the Rings“ auf dem deutschen Buchmarkt wiederfinden. Wie der damalige Verleger Michael Klett auf „Der Herr der Ringe“ aufmerksam wurde und warum die erste deutschsprachige Ausgabe rund 100 DM pro Band kostete, erzählte uns Lektor Stephan Askani. Illustrator John Howe gestand derweil, dass er zuerst den zweiten Band der Reihe las, da Band 1 in der Bibliothek ständig ausgeliehen gewesen sei und er sich die Bücher als Kind nicht leisten konnte.

Auch Stimmwunder Andreas Fröhlich berichtete von seinem ersten Kontakt mit dem „Herr der Ringe“. Als 15-Jähriger bekam er Tolkiens Buch von einem Freund geschenkt und war zunächst erschrocken über die kleine Schrift: „Da ging meine Lust schon gen Null, weil sowas war ich nicht gewohnt. Ich war eher so Schneider-Bücher-Fan.“ Die Neugier siegte dann aber und Fröhlich begann zu lesen. Durch die ersten 100 Seiten habe er sich zwar gequält, doch dann sei etwas passiert: „Plötzlich war ich nicht mehr auf dieser Welt. Auf einmal war ich -- bumm! -- im Auenland.“ Als Andreas Fröhlich diesen Moment schilderte, nickten wohl so einige im Publikum, mit diesem Gefühl bestens vertraut.

Da Andreas Fröhlich dem deutschen Gollum seine legendäre Artikulation schenkte, kam Denis Scheck selbstverständlich nicht umhin, auch das zu thematisieren. Nach einem geschmacklosen „Witz“ Schecks, der in etwa dem Niveau von Oliver Pocher, Stefan Raab und Mario Barth entsprach, erfuhren wir, dass Andreas Fröhlich, dem eigentlich keine Sprecherrolle zugeschrieben war, Gollum lediglich aus der Not heraus seine Stimme lieh. In der von Peter Jacksons Teams erstellten Besetzungsliste tauchte ein Sprecher für Gollum nämlich einfach nicht auf. Im Folgenden schilderte Fröhlich noch äußerst anschaulich und zum Amüsement des Publikums, wie er zu seiner ganz eigenen Gollum-Stimme fand. Noch heute könne er mit dieser Stimme seine Tochter zu Tode erschrecken. „Das ist auch das Einzige, worauf sie wirklich stolz ist. Das findet sie ganz toll. Drei Fragezeichen? Ach! Gollum ist es!“

Denis Scheck im Gespräch mit Lektor Stephan Askani.

Bitte mehr davon!

Abgerundet wurde dieser informative, unterhaltsame und abwechslungsreiche Abend durch die Auftritte des Jugendsinfonieorchesters der Leipziger Musikschule Johann Sebastian Bach. Die jungen und extrem talentierten Musiker*innen spielten -- wie sollte es anders sein -- die von Howard Shore komponierte Musik der HdR-Filme. Ihnen zuzuhören war ein purer Genuss und ich habe es ein wenig bedauert, dass sie nur dreimal spielten. Ein großes Kompliment an das Orchester und „Chapeau!“ an die junge Sängerin, die zum Abschluss das einzige Solo des Abends sang! Ich glaube, vielen im Publikum bescherte das Orchester mehrfach Gänsehaut.

Die sich anschließenden Standing Ovations, die den Musiker*innen und allen anderen Beteiligten galten, waren wohl Beweis genug, wie begeistert wir 800 Anwesenden von diesem zauberhaften Abend waren. Und so bleibt mir nur noch DANKE zu sagen an alle, die zu diesem besonderen Event beigetragen haben. Es war mir ein Fest, das wohl höchstens Gandalf mit seinem Feuerwerk noch übertrumpft hätte. Ich hoffe, es war nicht die letzte Veranstaltung dieser Art und dass noch viele Leser*innen in den Genuss eines solch fabelhaften Abends kommen werden.

Ihr konntet nicht dabei sein?

Wer nicht das Glück hatte, vor Ort zu sein, findet auf dem Blog der Hobbit Presse weitere Eindrücke des Abends. Außerdem hat das LovelyBooks-Team die gesamte Veranstaltung aufgezeichnet und auf YouTube zur Verfügung gestellt. Auf Phantastisch Lesen findet ihr zudem ein kurzweiliges Interview mit Knut Amos von der Hobbit Presse.


[1] Mit Sprecher Timmo Niesner wurde leider kein Interview geführt.