James Norburys „Großer Panda und Kleiner Drache“ war einer der sehr wenigen spontanen Buchkäufe im letzten Jahr. Es waren die Illustrationen und der Halbleineneinband, die meine Aufmerksamkeit weckten und mir ein Buch ganz nach meinem Geschmack versprachen.

In dem rund 160 Seiten schmalen Buch begleiten wir die beiden unzertrennlichen Freunde Großer Panda und Kleiner Drache ein Jahr lang auf ihrer Wanderung. Wohin sie gehen und warum? Das erfahren wir nicht. Auch scheinen die beiden es nicht so recht zu wissen – und es spielt für sie ohnehin keine Rolle. Trotzdem sind sie immer wieder überzeugt, dass sie sich mehrfach verirrt haben. Und während der Frühling vom Sommer, Herbst und Winter abgelöst wird, bis es wieder Frühling wird, laufen die zwei Freunde und laufen und laufen. Eilig haben sie allerdings es nicht. So genießen sie immer wieder den Augenblick, staunen über die Natur, erfreuen sich an der Gesellschaft des jeweils anderen und trinken Tee. Viel Tee.

Dabei lehren sie einander und uns Lesenden Achtsamkeit, Akzeptanz, Dankbarkeit und die Wertschätzung des Augenblicks. Vor allem der Große Panda bringt seinem Freund und uns immer wieder bei, im Moment zu leben und Lebewesen und Dinge so anzunehmen, wie sie sind, Fehler oder Makel nicht als negativ zu betrachten.

Wer sich auch nur ein bisschen mit Buddhismus auseinandergesetzt hat, wird in „Großer Panda und Kleiner Drache“ den Kern des Buddhismus wiedererkennen. Das ist kein Zufall: James Norbury hat sich lange mit Buddhismus auseinandergesetzt und die Weisheiten des Buddhismus halfen ihm in einer schwierigen Lebensphase. „Großer Panda und Kleiner Drache“ ist damit nicht nur ein Buch über Achtsamkeit, sondern auch eine Hommage an den Buddhismus. So bündelt James Norbury in dem Satz „Wenn du Tee trinkst … trinke Tee“ die buddhistische Weisheit[1], dass man sich nur auf das Hier und Jetzt fokussiert, statt mehrere Dinge parallel zu tun oder in Gedanken schon bei den Aufgaben, Vorhaben oder Tätigkeiten der nächsten Minuten, Stunden, Tage zu sein.

Zugegeben: Manche Sätze sind mir zu plakativ, könnten so auch in „Der kleine Prinz“ oder auf Yogi-Teebeuteln[2] stehen; manche Motive empfinde ich als zu ausgelutscht. Insbesondere wenn man das Buch am Stück liest, wirkt diese durchgehende Positivität und Leichtigkeit zu konstruiert und oberflächlich – hier hätte ich mir mehr Tiefgang und Komplexität gewünscht, um selbst Schlussfolgerungen ziehen zu können, statt die Botschaften auf einfachste Weise serviert zu bekommen.

In diesem Zusammenhang ist auch der Vorteil des Buches zugleich sein Nachteil: Obwohl „Großer Panda und Kleiner Drache“ theoretisch ein Stück Slice of life der beiden Freunde erzählt, steht jede Seite auch für sich allein. So kann das Buch an jeder beliebigen Stelle aufgeschlagen werden und trotzdem seine Botschaft vermitteln. Damit spiegelt der Aufbau des Buches gekonnt die Achtsamkeitspraxis des Buddhismus wider: Es zählt nur der Moment, das Hier und Jetzt. Allerdings sorgt das auch dafür, dass wir als Lesende nie tiefer eintauchen können, immer nur im Offensichtlichen verweilen, an der Oberfläche kratzen.

Völlig bezaubernd sind indes die Illustrationen. James Norburys Tuschezeichnungen sind auf das Wesentliche reduziert, präsentieren uns oft nur Drache und Panda in schwarz und weiß – und nehmen fast immer die ganze Seite ein. Doch obwohl es keine überladenen Motive sind, habe ich mich stets dazu eingeladen gefühlt, mit meinem Blick auf den Seiten zu verweilen, die Illustrationen länger zu betrachten. Auch das ist Achtsamkeit.

Fazit:

James Norbury hat die wichtigsten Erkenntnisse des Buddhismus in „Großer Panda und Kleiner Drache“ konzentriert auf den Punkt gebracht und anhand zweier ungewöhnlicher Protagonisten erzählt. Das passiert in mal mehr, mal weniger plakativen Aussagen, aber immer eingefangen in schlichten, wunderschönen Illustrationen, von denen ich unbedingt mehr sehen möchte.

James Norbury: „Großer Panda und Kleiner Drache“, aus dem Englischen übersetzt von Sibylle Schmidt, Wunderraum 2022, ISBN: 978-3-442-31655-7


[1] Genaugenommen ist Norburys Satz eine Referenz auf die Geschichte des Zen-Buddhismus über einen weisen Mönch, der auf eine Frage zu Achtsamkeit und Meditation antwortete: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich.“

[2] Ich liebe Yogi Tea – nur nicht immer die gelegentlich simpel anmutenden Aussagen an den Teebeuteln.