Nachdem die kleine Sarah den Mord an ihren Eltern ansehen musste, wacht sie in einer Klinik irgendwo in den tschechoslowakischen Wäldern auf. So manches an diesem Ort ist eigenartig: Das Personal beschränkt sich auf eine Handvoll Leute und Sarah begegnet keinen anderen Patienten. Hinzu kommen Fragen nach den wahren Umständen des Todes ihrer Eltern. Denn während das Klinikpersonal Sarah von einem tödlichen Virus erzählt, ist das Mädchen davon überzeugt, ein Monster gesehen zu haben.

Eines Nachts schleicht sich schließlich ein Junge in ihr Zimmer und erzählt ihr, dass die Ärzte die Patientinnen und Patienten voneinander fernhalten. Die Kinder haben jedoch während ihres Aufenthaltes in der Klinik geheime Wege entdeckt und treffen sich nachts auf dem Dachboden. Allerdings weiß keines von ihnen Näheres über die Klinik oder den vermeintlichen Virus, von dem auch sie befallen sein sollen. Erst mit Sarahs Auftauchen beginnen sie, alles zu hinterfragen und finden sich schon bald in einem seit Jahrtausenden währenden Krieg wieder.

Das Ganze klingt zunächst nach solidem, klassischem Horror und vielen Geheimnissen. Genau darauf hatte ich Lust, als ich „Whispers in the Walls“ vergangenes Jahr in Camden entdeckte (ich las zu diesem Zeitpunkt „IT“ und war daher in der Stimmung für noch mehr Grusel). Dass die Story im Jahr 1949 angesiedelt wurde, versprach zudem Verschwörungen, medizinische Experimente oder politische Verwicklungen.

Am Ende hat mich der Comic aber gleich auf mehreren Ebenen enttäuscht. Die Handlung aus der Feder von David Muñoz hätte auch in jeder anderen Epoche spielen können und serviert nur Altbekanntes, das um Vampire, Werwölfe und andere Formwandler angereichert wurde. Spannende Twists oder sonstige Überraschungen sucht man vergeblich. Die Story wirkt insgesamt etwas vage und ist für meinen Geschmack zu oberflächlich und klischeebeladen. Von jemandem, der bereits mit Guillermo Del Toro zusammengearbeitet hat, hatte ich weit mehr erwartet.

Auch die Figuren sind mehr oder weniger Abziehbilder dessen, was man schon tausendfach gesehen und gelesen hat. Da ist das Kind, das aus irgendeinem nicht näher definierten Grund, den Stein ins Rollen bringt und lange währende Konflikte auf einen Höhepunkt führt. Es gibt die klassischen Verräter und Opportunisten. Die Fragen nach den Guten und Bösen werden ebenfalls genauso beantwortet, wie man es vermutet.

Sympathie oder auch nur Empathie konnte ich für keine der Figuren entwickeln, da sie mir zu flach, beliebig und zum Teil wie reine Plot Devices erschienen. Selbst Sarah war mir als Protagonistin ziemlich egal. Dass sie ein traumatisches Erlebnis hinter sich hat, merkt man ihr nicht an. Trauer? Albträume? Ängste? Nichts davon empfindet bzw. erlebt sie. Stattdessen fügt sie sich sofort und reibungslos in den faden Klinikalltag ein und verhält sich, als kenne sie nichts anderes. Darüber hinaus vertraut Sarah jedem. Sie glaubt erst einmal alles, was sie hört, wobei sie zwar alles Vorangegangene in Frage stellt, jedoch nur, um bei der nächstbesten Aussage des jeweiligen Gegenspielers ihre Meinung erneut über den Haufen zu werfen. Das ist nicht nur naiv, sondern auch schnell sehr nervig und hat bei mir eher für Augenrollen als für Spannung gesorgt.

Stellenweise wirkt der Comic zudem nicht ganz schlüssig. So findet Sarah ein Spielflugzeug und steckt es in ihre Manteltasche. Später in der Nacht erinnert sie sich an das Flugzeug, das sie ganz vergessen habe und zieht es aus einer Tasche ihres Nachthemdes. Wie kam das Flugzeug vom Mantel in das Nachthemd? Und wie kann Sarah etwas so Sperriges vergessen, wenn sie es die ganze Zeit (selbst im Bett) an ihrem Körper trug?

Optisch macht „Whispers in the Walls“ auf den ersten Blick eine Menge her. Die Bilder von Künstler Tirso wirken imposant und lebendig. Bei genauerer Betrachtung störte mich jedoch auch in der visuellen Umsetzung einiges. Immer wieder gibt es Bilder, in denen die Gesichter der Figuren verformt wirken: Augen, die deplatziert scheinen; Gesichtszüge, die verwaschen oder verzerrt aussehen oder einfach nicht mehr der eigentlichen Kopfform der Person entsprechen. Hinzu kommen weitere No-Gos wie Continuity-Fehler. Da wechselt eine Schreibtischlampe mehrfach in derselben Szene ohne menschliches Zutun den Platz. Ein Totenkopf verschwindet plötzlich von einem Tisch und taucht ein paar Bilder weiter wieder auf.

Wirklich tadellos sind in „Whispers in the Walls“ am Ende nur die Farben von Javi Montes. Die satten Töne sind perfekt auf das jeweilige Setting abgestimmt, fangen dadurch die Atmosphäre gekonnt ein und setzen die passenden Akzente.

Fazit:

„Whispers in the Walls“ entpuppt sich als vorhersehbarer Comic mit oberflächlich ausgearbeiteten Figuren und diversen Fehlern auf inhaltlicher wie visueller Ebene. Sieht man von der guten Kolorierung ab, bleibt das seidene Lesebändchen am Ende das Beste an dem ganzen Comic.

Muñoz, Tirso & Montes: „Whispers in the Walls”, aus dem Spanischen ins amerikanische Englisch übersetzt von Alex Donoghue und Quentin Donoghue, Humanoids 2017, ISBN: 978-1-59465-496-1