In der Mythologie sind Undinen Wassergeister, die erst dann eine Seele erlangen können, wenn sie einen Menschen heiraten. Vermählen sich ein Mensch und ein Geist, ist ihr Schicksal untrennbar miteinander verbunden und sie müssen bis zum Tod miteinander vereint sein. Verlässt der Mann die Undine irgendwann oder ist ihre Beziehung von Streit geprägt, beschwört dies den Zorn der anderen Wassergeister herauf. Untreue büßt der Gatte mit dem Tod. Auf diesem Mythos fußt eine Sage um das Adelsgeschlecht der Stauffenberger aus dem 14. Jahrhundert. Anfang des 19. Jahrhunderts nahm Friedrich de la Motte Fouqué die alte Legende wieder auf. Seine Erzählung „Undine“ inspirierte unter anderem Hans Christian Andersen zu seinem Märchen „Die kleine Meerjungfrau“.

Nun hat sich Benjamin Lacombe der Undinensaga angenommen und sie auf eine moderne, geheimnisvolle Art in Wort und Bild neu interpretiert. Die mittelalterliche Erzählung kann dabei heute noch genau so bezaubern wie vor Hunderten von Jahren.

In dem vor Geistern wimmelnden Schwarzwald stößt der Fischer Ulrich auf Ritter Hans von Ringstetten. Ulrich geleitet den verirrten Edelmann aus der Gefahr des Waldes und gewährt ihm Unterschlupf. Undine, die als Findelkind zu Ulrich und seiner Frau kam, wird sofort neugierig auf den ungewöhnlichen Gast. Beide nähern einander an und heiraten schließlich. Doch in Hans‘ Heimat wartet die Herzogstochter Ursula, deren Eifersucht größer ist, als die Angst vor der Rache der Wassergeister.

Die Tragik der Saga hat Lacombe dabei ebenso wunderbar in Wort und Gestaltung festgehalten wie die Mystik der alten Erzählung. Die Illustrationen sind mal in warme Töne gehüllt, dann wieder düster und voller Dramatik. Und alles versinkt im Wasser! Pergamentseiten stehen sinnbildlich für Fluten und tauchen die Handlung in das blaue Nass. Allmächtig legt es sich über Figuren und Orte, hüllt sie in Schweigen und Tod. Teilweise geschieht dies auf drei Ebenen und lässt den Leser Stück für Stück entdecken, was unter den Wassermassen verborgen liegt.

Fazit:
Mit „Undine“ hat Benjamin Lacombe sich wieder einmal selbst übertroffen. Die alte Legende um Wassergeist Undine, die durch Intrigen ihre große Liebe zum Tod verdammen muss, ist zeitlos. Lacombe entführt seine Leser in eine mystische Welt und reißt sie gemeinsam mit seinen Charakteren in die Fluten. Das geschieht auf so verzaubernde Art, dass man daraus gar nicht mehr auftauchen mag, sondern sich nur tiefer ins Wasser stürzen möchte. Und wer genau hinsieht, entdeckt in der mittelalterlichen Welt auch wieder Lacombes Hund, der sich regelmäßig in dessen Werke hineinschleicht.

Pergamentseite in "Undine", die in Blautönen gehalten ist und das Porträt des Wassergeistes Undine zeigt