Was wäre, wenn dein Vater in den Krieg ziehen würde – nicht aufgrund der Wehrpflicht, sondern freiwillig? Was würde sich für dich ändern? Wie würdest du dich fühlen? Für die 15-jährige Alice Bliss ist diese Albtraum-Situation Realität: Vater Matt hat sich dazu entschlossen, im Irakkrieg zu kämpfen. Sie fühlt sich einsam und verlassen, sorgt sich, ist beängstigt, verzweifelt und wütend zugleich. Für die Entscheidung ihres Vaters können sie, ihre kleine Schwester Ellie und Mutter Angie kein Verständnis aufbringen: Wie kann er sie im Stich lassen, wo ihr Leben doch so sorgenfrei und harmonisch verlief? Wie kann Matt, dem die Familie das Wichtigste im Leben ist, sie verlassen? Wieso setzt er freiwillig sein Leben aufs Spiel? Warum bereitet er Angie, Alice und Ellie so viel Kummer und Sorgen? Wie sollen sie die Ungewissheit während seiner Abwesenheit aushalten, wie ohne ihn auskommen?

Mutter und Töchter kommen mit dieser Belastung nicht klar: Angie zieht sich in sich zurück, entzieht sich ihrer häuslichen und mütterlichen Pflichten – der Kühlschrank bleibt leer, die Kleider ungewaschen, wie es den beiden Töchtern geht, scheint die Mutter nicht mehr zu interessieren. Immer mehr verschanzt sie sich im Schlafzimmer. Alice muss nun nicht mehr nur Schwester für die kleine Ellie sein, sondern auch gänzlich die Mutterrolle übernehmen. Für das Verhältnis zwischen Angie und Alice ist dies nicht gerade förderlich: Mutter und Tochter haben schon lange eine distanzierte Beziehung zueinander, immer wieder geraten beide in Streit, keine scheint die andere zu verstehen. Warum das Verhältnis zwischen ihnen so angespannt ist, wird dem Leser nicht offenbart. So muss gerätselt werden, ob dies einfach als Pubertäts-Symptom entstanden ist, beide einfach zu verschieden sind oder es andere Gründe gibt. Bislang konnte Matt, den Alice regelrecht anbetet und der ein so liebender, perfekter Vater ist, immer zwischen Mutter und Tochter vermitteln. Nun, wo er weg ist, müssen die beiden Frauen lernen, miteinander umzugehen und füreinander da zu sein. Doch gerade diese schwierige Lebenssituation, die Matt seiner Familie bereitet hat, ermöglicht es, dass Alice und Angie sich endlich annähern – wenn auch langsam und mit einigen holprigen Anläufen.

Neben der außergewöhnlichen, schwierigen Situation hat Alice auch noch mit typischen Teenie-Problemen zu kämpfen. So muss sie in diesem einen Jahr, währenddessen der Leser sie begleitet, für sich herausfinden, wer sie ist, wer sie sein will und was ihr wichtig ist. Und natürlich ist sie auch nicht vor den Wirren der Liebe gefeit. Dabei macht Laura Harrington, ursprünglich Theater- und Musicalautorin, leider vor typischen US-Highschool-Klischees nicht halt: Alice hat seit ihrer Kindheit einen allerbesten Freund, der selbstverständlich seit langem heimlich in sie verliebt ist. Und ganz plötzlich interessiert sich der angesagteste Typ der Schule, der stereotypisch sportlich ist, für die kluge und bislang unscheinbare Alice und es stellt sich – oh Wunder – heraus, dass er nicht oberflächlich ist, sondern eine nachdenkliche und großherzige Seite hat, die er seinen coolen Freunden selbstverständlich nicht offenbaren kann. Glücklicherweise schlachtet Harrington das Highschool-Klischee nicht zu sehr aus, sondern fokussiert sich immer auf Alice‘ Umgang mit dem Verlust des Vaters.

Das Verhältnis zwischen Alice und Matt war stets ein besonderes: Er war ihr Held und Vorbild, ihre Beziehung nicht nur familiärer, sondern auch freundschaftlicher Natur. Obwohl Matt während 90 Prozent des Buches als eigentlicher Charakter nicht vorkommt, sondern dem Leser nur in Form seiner Briefe oder durch Rückblenden nahe gebracht wird, erhält man einen sehr genauen Einblick in das Vater-Tochter-Verhältnis und Matts Figur. So ist gut nachvollziehbar, wie nah Alice der Verlust des Vaters geht – man fühlt und leidet mit, hofft darauf, dass die Familie Bliss bald wieder vereint und glücklich ist. Gerade diese Vater-Tochter-Beziehung und dieser neue Blickwinkel auf den Krieg – eben nicht aus Sicht von Politikern, Soldaten oder den Ehefrauen, sondern aus der Perspektive der Kinder – machen „Alice Bliss“ zu etwas Besonderem. Dennoch ist das Buch nicht extrem weltbewegend, ohne dass sich dies genau erklären lässt: Es ist gut – die Idee ist wunderbar, die Charaktere vielschichtig und gut gezeichnet, doch irgendwie schwingt immer das leichte Gefühl mit, dass der Roman nicht perfekt ist, dass das volle Potenzial nicht ausgeschöpft wurde. Zudem gibt es ein paar Kleinigkeiten, die leicht stören: Ellie wirkt nicht immer ihrem Alter entsprechend – mal drückt sie sich wie eine junge Erwachsene aus, da sie auch sehr klug für ihr Alter ist, ein anderes Mal hingegen wirkt sie viele Jahre jünger, als sie tatsächlich ist. Zu Beginn des Buches wird zudem deutlich, dass Harrington zuvor für die Bühne schrieb: Vieles wirkt wie Regieanweisungen – Eigenschaften und Situation werden eher benannt und aufgezählt, anstatt anschaulich beschrieben zu werden, es fehlen Hintergründe und Atmosphäre. Harrington liefert mehr einen Ist-Zustand, anstatt wirklicher Szenen. Manche Sätze wirken abgehackt, sind zu knapp, es gibt harte Brüche. Dieser Stil verliert sich jedoch nach einigen Seiten und der Leser wird ausführlich in Alice‘ Leben hineingeholt.

Die Geschichte selbst ist nach Tagen unterteilt und aus Sicht der zurückgebliebenen Familienmitglieder präsentiert. Trotz der Irakkrieg-Thematik wirkt der Roman auf rein emotionaler Ebene und verzichtet auf typische Kriegsszenarien. Es geht um die veränderte Lebenswirklichkeit und um den individuellen Umgang mit dem Fehlen eines geliebten Menschen und der Unwissenheit, ob man ihn je wiedersehen wird.

Fazit:


Laura Harringtons Roman-Debüt zeigt die Folgen von Krieg aus einer bislang künstlerisch nie umgesetzten Ansicht, nämlich der eines Mädchens auf dem Weg zur Frau. „Alice Bliss“ ist so nicht nur eine Geschichte über Verlust, über das, was im Leben zählt und über die Familie, sondern auch über das Erwachsenwerden.