In meinen 20ern begleiteten mich die Bücher von Henning Mankell regelmäßig – wenngleich sich hier auf dem Blog relativ wenig davon spiegelt. Ich habe Mankell, der 2015 aufgrund seiner Krebserkrankung starb, vor allem für seine Vielseitigkeit, seinen Schreibstil, seine gelegentlich zwischen Realismus und Surrealismus balancierenden Geschichten geschätzt, aber auch für die Werte, für die er als Mensch stand.

Nach seiner Krebsdiagnose schrieb der schwedische Autor „Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein“ – es wurde sein letztes Buch und erschien in Deutschland kurz vor seinem Tod.

Obwohl seine Krebserkrankung der Auslöser für „Treibsand“ war, handelt es sich hierbei keineswegs um Memoiren im klassischen Sinn. Zwar blickt Henning Mankell auf verschiedene Momente seines Lebens zurück, doch seine Biografie ist nicht das eigentliche Thema des Buches, sondern eher ein Nebenschauplatz und Anstoß für die Auseinandersetzung mit größeren Fragen.

Schreibt Mankell über sich und sein Leben, widmet er sich selten den großen Ereignissen, sondern vor allem seinen Reisen, Begegnungen im Alltag und kleinen, zunächst unscheinbaren Augenblicke, die ihm Jahrzehnte später noch immer im Gedächtnis geblieben sind und ihn oftmals mit grundlegenden Fragen des Menschseins konfrontierten. In diesen Anekdoten zeigt sich Mankells Beobachtungsgabe, seine Empathie, sein Blick auf das große Ganze und seine Achtung gegenüber allem, was immer mehr Menschen als zu selbstverständlich erachten.

Mankell spricht über Kunst, Geschichte, Hoffnung, Angst, Missgunst, Menschenrechte, Umwelt und Klima. In seinen Zeilen lesen wir Respekt und Begeisterung dafür, was Menschen im Laufe der Jahrtausende erschaffen und geleistet haben. Aber wir werden auch immer wieder damit konfrontiert, wie grausam die Menschheit mit sich selbst – einschließlich ihrer nachkommenden Generationen – und dem Planeten umgeht.

„Heute wird die Stille immer seltener. Manchmal denke ich, auch die Stille ist von der Ausrottung bedroht.“ (S.272)

Wiederkehrende Themen sind dabei Generationengerechtigkeit und Atomenergie. Die Frage rund um die Endlager des Atommülls beschäftigte Henning Mankell sehr – nicht nur hinsichtlich des Wo oder der Sicherheit für aktuelle Generationen, sondern vor allem auch vor dem Hintergrund, welches Erbe die jetzt lebenden Menschen den kommenden Generationen damit hinterlassen.

Auch Unterdrückung und alltägliche Diskriminierung – insbesondere gegenüber Frauen – kritisierte der Autor in verschiedenen Kontexten:

„Woran die Welt leidet, ist das einseitige männliche Denken, bei dem die Stimmen der Frauen überhaupt nicht gehört werden.

Das führt zu einer absurden Welt. […]

Wenn aber eine neue Ordnung entstehen soll, ist es am Mann, einen Schritt zurückzutreten und der Frau Platz zu machen.

Wer nicht glaubt, dass dies geschehen wird, hat sehr wenig von dem verstanden, was Veränderung bedeutet.“ (S. 308 f.)

Henning Mankell stellt sich dabei keineswegs als unfehlbar oder Musterbeispiel dar. Er spricht offen über seine Fehlentscheidungen und Fehlverhalten, beispielsweise über seine durch patriarchale Strukturen geprägte empathielose, egoistische Reaktion auf die ungeplante Schwangerschaft einer früheren Partnerin. Er rechtfertigt sich dabei nicht, sucht keine Entschuldigungen für sein Verhalten, sondern hinterfragt sich und versucht, dahinterstehende Strukturen, Prozesse und Emotionen zu verstehen.

Fazit:

​Man muss Henning Mankell und sein Werk nicht kennen, um „Treibsand“ zu lesen. Die Fülle an Themen – von Literatur, Theater und Kunst über Reisen und Geschichte bis hin zu Ethik, Ökologie, sozialer Gerechtigkeit und Politik – ermöglicht viele Zugänge, Denkanstöße und Inspirationen. Ich habe mir lange nicht mehr so viele Textstellen in einem Buch markiert wie in „Treibsand“. Mankells letztes Buch wird noch lange in mir nachhallen.

Henning Mankell: „Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein“, aus dem Schwedischen übersetzt von Wolfgang Butt, Paul Zsolnay Verlag 2015, ISBN: 978-3-552-05736-4