„Alle Menschen leben und handeln teils nach eigenen Ideen, teils nach denen anderer Menschen. Inwieweit sie nach ihren eigenen Ideen und inwieweit nach denen anderer leben, darin besteht einer der Hauptunterschiede der Menschen untereinander. Die einen benutzen ihre Ideen meist als geistiges Spiel, […] doch in ihrem Handeln unterwerfen sie sich anderem Denken – dem Brauch, der Überlieferung, dem Gesetz; die anderen aber, die ihre Ideen als Hauptmotor all ihrer Aktivitäten ansehen, hören fast immer auf die Forderungen ihres Verstandes und unterwerfen sich ihm; nur ganz selten, und nach kritischer Bewertung, folgen sie dem, was von anderen beschlossen wurde.“ (S. 544 f.)

Teil 3 der „Auferstehung“ war bedeutend kürzer als Teil 1 und 2, hat aber gleichzeitig noch einmal gut die zentralen Themen und Charakteristika der vorangegangenen 500 Seiten gebündelt und auf den Punkt gebracht. Dabei begleiteten wir vorwiegend die Häftlinge auf ihrem Weg zur Katorga in Sibirien (Zwangsarbeit; nach der Todesstrafe die schwerste Strafe im damaligen Russland). Tolstoi konfrontierte Nechljudow und uns auf diesen Seiten mit Grausamkeiten und Herzlosigkeit gegenüber jenen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen strafbar gemacht haben. Nicht selten standen diese Strafen in keinerlei Verhältnis zum Verbrechen, wie ein auf wahren Begebenheiten beruhender Fall zeigt, in dem ein Junge wegen politischer Schriften zur Todesstrafe verurteilt wurde.

In dieser visuellen, intensiven Art, wie Tolstoi die Szenen schildert, spüren wir die beklemmende Enge, riechen den ekelerregenden Mix aus Körperflüssigkeiten und Gosse, spüren die körperlichen Qualen, fühlen, wie das körperliche und seelische Leid auf das eigene Gemüt drückt. Aber wir erleben auch Momente der Nächstenliebe und Aufrichtigkeit, Momente bescheidenen Glücks.

Und immer wieder leuchten dazwischen die großen sozialethischen Fragen auf. Fragen, über die man ewig diskutieren kann; Fragen, auf die es manchmal scheinbar keine richtige Antwort gibt oder aber Antworten, die leicht und logisch erscheinen, die als Lösung jedoch nie oder nur unzureichend verwirklicht worden sind. Was diesen Fragen aber stets gemein ist: Sie waren damals, vor nahezu 150 Jahren, die gleichen wie heute. Damit hält Tolstoi auch noch unserer heutigen Welt den Spiegel vor und scheint beschämend mit dem Finger auf uns zu zeigen, dass wir in mehr als einem Jahrhundert nicht dazu gelernt haben, dass wir trotz etlicher Fortschritte noch immer die gleichen Baustellen haben. Vermutlich wird sich daran auch in weiteren 150 Jahren nicht viel geändert haben.

Resümee:

Rückblickend betrachtet ließ mich „Auferstehung“ mit gemischten Gefühlen zurück. Für sich allein stehend ist es ein interessanter Roman. Im Vergleich zu Tolstois anderen Romanen, insbesondere „Krieg und Frieden“, konnte „Auferstehung“ jedoch nicht gänzlich beeindrucken.

Tolstoi ist ein Meister des Großen, Opulenten, Epischen – er brilliert, wenn er ein riesiges Ensemble an Charakteren unterschiedlichster Altersgruppen mit ihren individuellen Träumen, Werten, Moralvorstellungen und Wesenszügen vor dem Hintergrund wechselnder Rahmenbedingungen kaleidoskopartig betrachtet. Tolstois Stärke ist das Ganzheitliche, die gekonnte Mischung aus inhaltlicher Breite und Tiefe zugleich. Indem er den Fokus in „Auferstehung“ auf einen deutlich begrenzteren sozialen Kreis gerichtet hat, hat er den Roman zu sehr um diese Stärke beraubt, wodurch „Auferstehung“ auf mich nicht annähernd so intensiv einwirkte, wie „Krieg und Frieden“. Doch das ist etwas, das mir als Leserin vorwiegend mit etwas Distanz und einem Blick auf das Buch in seiner Gesamtheit bewusst wurde. Betrachtet man die einzelnen Szenen des Romans jeweils für sich, finden sich hierin aber durchaus typische Tolstoi-Elemente und ich verfolgte manche Szenen mit gewaltiger Aufmerksamkeit, während ich andere eher an mir vorbeiziehen ließ, ohne dass ich jedoch für dieses Auf und Ab eine bestimmte Ursache erkennen konnte.

Überrascht hat mich mein eigenes Verhältnis zu den beiden Protagonisten Dmitri Nechljudow und Jekaterina Maslowa. Während Letztere zu Beginn des Romans stärker im Mittelpunkt stand und mich als Leserin mitfühlen und mitleiden ließ, wurde sie mir im weiteren Verlauf des Romans zu blass. Sie wurde mir zu distanziert, zu wenig greifbar und es fiel mir schwer, ihre Gedanken immer nachzuvollziehen. Nechljudow indes schickte mich auf eine andere Berg- und Talfahrt: Es begann mit anfänglicher Sympathie, worauf ein regelrechtes Angewidert-Sein von so viel Arroganz und Egoismus folgte, bis Nechljudow schließlich zu meiner Lieblingsfigur des Romans wurde. Seine Verwandlungen, seine Auferstehung, habe ich sehr gerne begleitet und immer wieder verleitete Nechljudow mich dazu, hundertmal durchdachte Dinge zu hinterfragen, selbst dann, wenn ich nicht seiner Meinung war. In Nechljudow sah ich die Personifizierung einer sich wandelnden Gesellschaft mit all ihren Momenten der Erleuchtung, der Ernüchterung, ihren Fehlschlägen, Zweifeln, aber auch ihren Hoffnungen. (Mit dieser Wahrnehmung der beiden Protagonisten widerspreche ich übrigens der im Nachwort vertretenen Ansicht, dass Jekaterina Maslowa äußerst authentisch und lebendig wirke, während Nechljudow blass bleibe und kein Sympathieträger sei.)

Interessant sind in jedem Fall die Hintergründe des Romans: die zum Teil wahren Fälle, die Tolstoi in „Auferstehung“ aufgearbeitet hat, die Zensur des Romans aus politischen und religiösen Gründen, die Überlegungen zum Ausgang und einer potenziellen Fortsetzung des Romans …

Fazit:

Wer Tolstois Texte liebt und sich gerne mit dessen Kernthemen beschäftigt, der sollte unbedingt auch zu „Auferstehung“ greifen. Wer ein Tolstoi-Neuling ist, sollte jedoch lieber den beiden anderen Romanen den Vorzug als Einstiegslektüre geben.