Heute reise ich mit euch durch die Welt!

Ambrose Zephyr, der Protagonist in Charles Scott Richardsons Roman „Das Ende des Alphabets“, hat nicht mehr lange zu leben. Genauer gesagt, bleiben ihm noch 26 Tage, also exakt so viele Tage, wie das Alphabet Buchstaben hat. Diese letzten Tage möchte der Mann, dessen Initialen der erste und letzte Buchstabe des Alphabets bilden, für eine letzte, große Reise mit seiner Frau nutzen – natürlich in alphabetischer Reihenfolge.

Eine schöne Idee mit viel Symbolik. Ich bin gespannt, wie C. S. Richardson sie umgesetzt hat und wie ich die Zeit mit Ambrose und seiner Frau erleben werde.

Update 1 - 11.40 Uhr

Die ersten 44 Seiten sind gelesen und im Moment bin ich noch hin und hergerissen. C. S. Richardsons Schreibstil gefällt mir sehr gut: knackig, auf den Punkt, immer mit einer guten Prise Humor. Auch Protagonist Ambrose Zephyr ist mir sympathisch mit seiner ausgewogenen Mischung aus Gewöhnlichkeit und Extravaganz, seinen Macken, Eigenarten und Einstellungen.

Der Erzählstil des kanadischen Autors indes macht es mir gerade noch schwer, richtig mitzufühlen. In dem hinter mir liegenden ersten Drittel des Romans rast Richardson mit mir durch die Beziehung von Ambrose und seiner Frau Zappora Ashkenazi, durch die Karriere der beiden, ihren Alltag und Ambroses Kindheit. Das schnelle Reisen durch Ambroses und Zapporas Vergangenheit macht es mir gerade noch unmöglich, den beiden Charakteren wirklich nahe zu kommen. Ich fühle mich durchweg wie ein außenstehender Beobachter und nicht wie jemand, der wirklich in diese beiden Leben eingeladen ist. Ob sich das im weiteren Verlauf des Buches noch ändern wird?

Nebenbei wechseln wir immer für ein, zwei Seiten den Schauplatz in die Arztpraxis, in der Ambrose und Zappora gerade die Hiobsbotschaft vernehmen. Gelungen bei letzteren Szenen ist, wie C. S. Richardson lediglich durch einzelne Gesprächsfetzen den ganzen Gesprächsverlauf mit all seinen Fragestellungen, zerstörten Hoffnungen und der Ausweglosigkeit vermittelt. Gleichzeitig stellt er auf diese Weise eindrucksvoll dar, wie sich die Wahrnehmung der Realität ändert, wenn eine derart niederschmetternde Nachricht über einen hereinbricht – die plötzliche Taubheit, das Neben-Sich-Stehen, die Welt, die plötzlich nur noch surreal an einem vorbeizieht …

Nachdem Ambrose sich schlagartige der eigenen, sehr baldigen Sterblichkeit bewusst wird, stellt er nachts in hektischer Eile eine Liste zu bereisender Orte zusammen. Nach kleinen Korrekturen durch Zappora steht die Route schließlich endgültig fest und wir brechen gemeinsam auf, beginnend bei A wie Amsterdam.

Update 2 - 14.25 Uhr

– Amsterdam – Berlin – Chartres – Deauville – Paris (E wie Eiffelturm statt des geplanten Elbas) – Florenz – Gizeh – Haifa – Istanbul – 

Ambrose, Zappora und ich haben die ersten Buchstaben des Alphabets bereist – wenn auch mit einer Auslassung aufgrund geplatzter Flüge und einer „flexiblen“ Interpretation des Buchstaben E.

Was ich von diesen Trips mitgenommen habe? Ehrlich gesagt, fast nichts. Von einem Ort zum anderen wird gerast, nirgendo kann ich ankommen, was einerseits natürlich daran liegt, dass pro Ort nur ein Tag Zeit ist, andererseits aber auch daran, dass mich C. S. Richardson nur wenig an Ambroses und Zapporas Erlebnissen teilhaben lässt. Ich fühle mich ausgeschlossen, lerne kaum etwas von den bereisten Orten kennen und erfahre nicht, was diese in den beiden Protagonisten auslösen. Auch sehe ich bisher keinerlei tieferen Sinn, den diese Reisen für das Paar haben sollen, was zwei Ursachen hat:

  1. Ambrose unternimmt in den Orten viele Ausflüge allein, während seine Frau sich irgendwo mit einem frisch gekauften Tagebuch hinsetzt, in das sie dann doch nie etwas einträgt. Doch sollte es nicht darum gehen, die letzten verbleibenden Tage gemeinsam zu erleben, Momente zu schaffen, die ihre Beziehung noch einmal vertiefen/ besiegeln und an die sich Zappora nach Ambroses Tod zurückerinnern kann und möchte?!
  2. Der Klappentext hat mich reingelegt! Denn dieser verkündete, dass die einzelnen Stationen der Reise auch Orte sind, die für die Beziehung von Ambrose und Zapporia von Bedeutung gewesen sind. Tatsächlich trifft das bisher nur auf zwei, drei Orte zu. Alle anderen Stationen sind Orte, die Ambrose vor seiner Beziehung mit Zapporia einmal bereiste, von denen er durch Verwandte erfuhr oder an denen er einfach nur etwas Bestimmtes sehen möchte, so zum Beispiel ein Gemälde, das einst Thema einer Vorlesung in Ambroses Studium war. Manche Gründe für den Besuch eines Ortes wirken dabei sehr weit hergeholt und folglich beliebig und unbedeutend.

Charles Scott Richardson schafft es bisher also weder, mir die Charaktere nahe zu bringen, noch mir die letzte Reises des Paares glaubhaft zu begründen. Im Moment fühlt sich dieser Ausflug daher eher an, wie eine Rundreise im Fernbus, bei der man die Sehenswürdigkeiten lediglich durch die Fensterscheibe beobachten kann.

Update 3 - 15.45 Uhr

Die Reise ist beendet, die Buchdeckel zugeklappt.

Die letzten verbliebenen 30 der insgesamt 138 Seiten haben mir leider wenig nichts gegeben – sowohl inhaltlich als auch emotional. Nur noch wenig ist passiert und die Handlung entwickelte sich in eine Richtung, die zwar realistisch, aber leider keine Bereicherung für die Geschichte gewesen ist. Vor diesem Hintergrund (und zur Vermeidung von Spoilern) bleibt mir an dieser Stelle auch nicht mehr zum letzten Drittel des Buches zu sagen.

Fazit

Ich wollte „Das Ende des Alphabets“ von Charles Scott Richardson wirklich mögen. Nein, nicht nur mögen – lieben! Die zugrunde liegende Thematik und die Symbolik des Alphabets klangen so vielversprechend und nach einem Buch ganz nach meinem Geschmack.

Leider konnte „Das Ende des Alphabets“, das vielmehr eine Novelle als ein Roman ist, diese Erwartungen nicht erfüllen. Nicht einmal ansatzweise. Die ganzen 138 Seiten über blieb eine gewaltige Distanz zwischen mir und den Charakteren. Ihr Leben und ihre letzten gemeinsamen Tage wurden zu oberflächlich behandelt und die schöne Idee der Alphabet-Symbolik sowie die Bedeutung der Reise gerieten zu sehr aus dem Fokus.

Normalerweise hinterlässt jede Lektüre in mir irgendwelche Spuren. Manche dieser Spuren sind schwächer, andere stärker, manche sind positiv, manche mit Frust, Enttäuschung oder Langeweile verbunden. Doch – und ich bedaure sehr, das schreiben zu müssen – „Das Ende des Alphabets“ hat in mir absolut keine Spuren hinterlassen und nach der Lektüre bin ich exakt derselbe Mensch wie vorher. Schade.