Vor 100 Jahren wurden der russische Zar Nikolai Alexandrowitsch Romanow, seine Ehefrau, seine fünf Kinder sowie Bedienstete von den Bolschewiki ermordet. Da zunächst nur der Tod des Zaren publik gemacht wurde und der Verbleib der Leichen geheim gehalten wurde, kursierten schnell Gerüchte über das Schicksal der Zarenfamilie. Die Romanows wurden zu einer Art Mythos, der die (Boulevard-)Presse, Schriftsteller und Filmschaffende immer wieder zu der Frage inspirierte: Was wäre, wenn ein oder mehrere Familienmitglieder überlebt hätten? Insbesondere die jüngste Zarentochter Anastasia musste immer wieder als Protagonistin für derlei Gedankenexperimente herhalten. So auch im Fall von Franziska Czenstkowski alias Anna Anderson, die 1920 nach einem Suizidversuch in einer psychiatrischen Klinik in Berlin behandelt und dort von einer Pflegerin mit Anastasia Romanowa verwechselt wird. Ihr ganzes Leben lang hält Franziska Czenstkowski an dieser Rolle fest, obwohl sie daraus keine nennenswerten Vorteile zieht und offensichtlich ist, dass sie nicht die Zarentochter sein kann: Czenstkowski spricht kein Russisch, weist keine optische Ähnlichkeit zu Anastasia auf und war ein Jahr vor der Ermordung der Zarenfamilie schon einmal Patientin in derselben psychiatrischen Klinik. Doch selbst die Presse und eine Handvoll Vertreter der Adelskreise halten diese Tatsachen nicht davon ab, über Jahrzehnte hinweg in Franziska Czenstkowski die Zarentochter zu sehen – oder sie aus Eigennutz als eben jene zu verkaufen.

Diesem Verwechslungsspiel, das sich tatsächlich zugetragen hat, ist Zeichner Simon Schwartz in seinem neuen Comic „IKON“ auf den Grund gegangen. Dazu greift er auf die Erlebnisse des Gleb Botkin zurück, einst Sohn des Leibarztes der Zarenfamilie, Mitschüler und Freund der Zarenkinder. Nachdem die Romanows – und mit ihr auch Glebs Vater – im Juli 1918 ermordet wurden, findet Gleb zwischenzeitlich Zuflucht in einem russisch-orthodoxen Kloster, emigriert später in die USA und gründet dort in den 1930ern seine eigene Kirche, die „Church of Aphrodite“. Als er von dem Auftauchen der vermeintlichen Anastasia erfährt und nach einer persönlichen Begegnung überzeugt ist, seiner einstigen Freundin gegenüber zu stehen, wird er zum größten Unterstützer der falschen Anastasia und glaubt bis zu seinem Tode an diese Identität.

Aus den Perspektiven von Gleb Botkin und Franziska Czenstkowski erleben wir in „IKON“ abwechselnd die Ereignisse um die echte Zarenfamilie und um die falsche Anastasia, wobei Simon Schwartz jeweils zwei Zeitstränge aufgreift, die Zusammenhänge darstellen und Verhaltensweisen erläutern. Im weiteren Verlauf werden diese immer enger miteinander verknüpft und gehen schließlich in einem Handlungsstrang auf, in dem Botkin endgültig mit seiner vermeintlichen Jugendfreundin wiedervereint ist.

Simon Schwartz ist es dabei hervorragend gelungen, aufzuzeigen, warum Botkin so sehr an die falsche Anastasia glaubt. Während seiner Kindheit und Jugend hatte Botkin außerhalb der Zarenfamilie kaum Gleichaltrige um sich, zu denen er freundschaftliche Bande aufbauen konnte, und fürchtete zudem, den Ansprüchen seines Vaters nie gerecht werden zu können. Doch seine selbst gezeichneten Geschichten um den Bären Mishka stießen bei den Zarenkindern auf Begeisterung und so erfuhr er durch die vier Großfürstinnen und den Zarewitsch regelmäßig Anerkennung. Besonders Anastasia wurde ihm eine wichtige Freundin und Vertraute. Nachdem Gleb seinen Vater und seine Freunde verlor und in seiner eigenen Religion zu Ehren der Liebesgöttin Aphrodite Halt fand, wurde seine einstige Jugendfreundin Anastasia zu seiner Ikone und die Unterstützung der vermeintlichen Zarentochter zur Lebensaufgabe. Blind in seiner Sehnsucht und seinem Wunschdenken sieht er über Gegenbeweise ebenso hinweg wie über die Launen, Wut- und Gewaltausbrüche der falschen Anastasia.

Doch was veranlasste die Öffentlichkeit und Franziska Czenstkowski selbst, bis in die ’80er Jahre hinein an der vorgetäuschten Identität festzuhalten, obwohl schon in den ’20ern widerlegt werden konnte, dass es sich bei Czenstkowski um die jüngste Zarentochter handelt?

Eben diese Frage und Simon Schwartz‘ Spezialisierung auf Comics über außergewöhnliche, aber wahre Lebensgeschichten ließen mich zu „IKON“ greifen. Leider blieb mir „IKON“ die Antworten auf diese Frage jedoch schuldig – vielleicht, weil es auch keine eindeutigen, vollständigen Antworten geben kann? Ist es nicht so, dass wir Menschen nur zu gern die Fakten außer Acht lassen, wenn unser Bauchgefühl etwas anderes vermittelt oder wir einfach nicht an eine unangenehme Wahrheit glauben wollen? Haben die politischen Wahlen der letzten Jahre nicht oft genug gezeigt, dass es immer wieder Teile der Gesellschaft gibt, die ihre Meinung, ihre subjektive Wahrnehmung der Welt und Behauptungen aus ihrer Filterblase über Argumente und Tatsachen stellen? Und gibt es nicht auch heute noch Personen, die den Tod von Elvis Presley oder Rapper 2Pac bezweifeln? Massenmedien, insbesondere jene, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, greifen derlei Gerüchte begierig auf – selbst dann, wenn dasselbe Gerücht schon vor ein paar Jahren für Schlagzeilen sorgte. Klatsch und Tratsch bringen Aufmerksamkeit und damit Geld. Und wie leicht dies mit den Persönlichkeiten des Adels geht, beweisen die bunten Blättchen, die zuhauf in Arztpraxen und Friseursalons ausliegen und von dem Leserschwund, den die Tageszeitungen erfahren, scheinbar unberührt bleiben.

Vielleicht muss man „IKON“ daher eher als Beispiel unserer Schein und Skandale liebenden Gesellschaft sehen oder einfach nur als die Geschichte zweier Personen, die einst verloren, was ihnen Halt und Freude schenkte, und sich in ihre jeweils eigene Form der Realität flüchteten.

Dennoch ließ mich die Lektüre in dieser Form etwas unbefriedigt zurück. Ich habe „IKON“ gern gelesen, doch blieb das Gefühl, etwas zu vermissen und nicht ganz in diese außergewöhnlichen Biografien eintauchen zu können.

Positiv überrascht war ich indes davon, wie gut ich mit dem Zeichenstil zurechtkam. „IKON“ ist – passend zu all den düsteren, tragischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts – in tiefem Schwarz und vielen dunklen Schraffierungen gehalten. Für gewöhnlich trifft ein derart dunkler Stil nicht meinen persönlichen Geschmack und ich hätte „IKON“ vermutlich auch nie gekauft, wenn Simon Schwartz mich damals mit seiner Comic-Biografie „Packeis“ nicht so begeistert hätte. Tatsächlich fand ich aber recht schnell einen Zugang zu den düsteren Bildern in „IKON“ und auch zunehmend Gefallen an diesem Stil. Das ist einerseits der ausdrucksstarken Mimik der Figuren zu verdanken – insbesondere den fast hypnotisch wirkenden, großen Augen – andererseits der Umsetzung der Dramaturgie auf visueller Ebene. Besonders die Übergänge zwischen den beiden Erzählperspektiven sind gelungen: Endet beispielsweise eine Szene aus Glebs Leben mit einem sich schließenden Auge, beginnt der folgende Abschnitt aus Franziska Czenstkowskis Leben mit einem sich öffnenden Auge; verlassen wir eine Szene in einer Baracke, wird die nächste Szene ebenfalls in einer Baracke zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort eröffnet. Zwischendurch schiebt Simon Schwartz immer wieder kleine Exkurse in die Geschichte und Bedeutung der Ikonenmalerei ein, die sich stilistisch deutlich abheben, aber inhaltlich immer eng mit der vorangehenden oder folgenden Szene verknüpft sind. Über den ganzen Comic hinweg finden sich zudem kleine Querverweise auf Täuschungen und den Mythos der Auferstehung, bspw. wenn Gleb und seine falsche Anastasia mit dem Auto gegen ein Werbeplakat für den Orson-Welles-Film „F for Fake“ fahren oder ein kleiner Exkurs zu den sogenannten „Höllen-Ikonen“ mit der Aussage schließt: „Heutzutage gibt es angeblich keine dieser Höllen-Ikonen mehr. Aber das heißt nicht, dass hinter den Porträts unserer größten Heiligen nicht dennoch Dämonen schlummern.“ (S. 157)

Irritierend wirkte auf mich jedoch immer wieder die Darstellung der Zarenkinder: Selbst mit 16 oder 17 Jahren wurden Anastasia und ihre Geschwister noch mit sehr kindlichen Zügen und nur halb so groß wie die Erwachsenen dargestellt, sodass ich die Zarenkinder ohne Vorwissen durchschnittlich drei bis fünf Jahre jünger geschätzt hätte. Darüber hinaus stören leider auch diverse Tippfehler den Lesefluss (z. B. „den“ statt „denn“, „Gottestmutter“ statt „Gottesmutter“).

Fazit:

Simon Schwartz‘ neueste Comic-Biografie „IKON“ hat mich trotz anfänglicher Skepsis auf visueller Ebene überzeugt. Inhaltlich ließ mich „IKON“ jedoch etwas vermissen und die Distanz zu den Figuren bzw. den geschilderten Ereignissen blieb für mich zu groß, um emotional berührt zu werden.

Simon Schwartz: „IKON“, avant-verlag 2018, ISBN: 978-3-945034-79-8